Thema / Ziele

Nach dem Zusammenbruch des globalen Finanzsystems in den Jahren 2007 und 2008 und dem darauf folgenden Kollaps ganzer Staaten, gibt es in der Gesellschaft ein gesteigertes Interesse nach alternativen ökonomischen Modellen und Erzählungen. Die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen wie beispielsweise Rohstoffknappheiten, steigende Ungleichheit und immer komplexer werdende ökonomische Verflechtungen, mit all ihren positiven wie negativen Folgen, sind keineswegs neue Phänomene, sondern treten schon in vormodernen Gesellschaften auf und erfordern langfristige Lösungsstrategien. Aufgrund der langen Betrachtungszeiträume kann die Archäologie sowohl die Perspektive auf als auch den Umgang mit Wirtschaftssystemen und Krisensituationen verändern und somit einen Beitrag für aktuelle Diskurse liefern. Ziel des Graduiertenkollegs 1878 ist es, Wirtschaftssysteme und Wirtschaftsräume vormoderner Gesellschaften in ihrer Struktur, Dynamik und Leistungsfähigkeit zu analysieren sowie die Wechselwirkungen mit den naturräumlichen, politischen, gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Verhältnissen zu erfassen. Diese Betrachtungsweise soll auch Impulse für die Lösung moderner Probleme geben.

In Einzelfallstudien werden theoretische Ansätze diskutiert und mithilfe empirischer Untersuchungen vormoderner Wirtschaftssysteme überprüft. Darüber hinaus werden in diachronen und interkulturellen Vergleichen sowohl ähnliche Strukturen als auch kulturelle Besonderheiten herausgearbeitet – dies geschieht hauptsächlich anhand der materiellen Hinterlassenschaften vergangener Kulturen, jedoch unter Berücksichtigung aller relevanten Quellengattungen.

Forschungsidee und Fragestellungen

Ökonomie und Kultur stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander: Auf der einen Seite ist wirtschaftliches Verhalten immer kulturell geprägt, auf der anderen Seite basieren kulturelle Systeme auf ökonomischen Voraussetzungen. Des Weiteren ist jedes Wirtschaftssystem beeinflusst durch die einzigartigen naturräumlichen, demographischen, sozio-politischen, religiös-kognitiven Verhältnisse sowie der Ökonomie benachbarter Kultursysteme. Daneben existieren jedoch auch vergleichbare Strukturen: beispielsweise kann Wirtschaft kulturunabhängig als Kette aus Produktion, Distribution und Konsum beschrieben werden. Ferner wird die Produktion in die drei Sektoren (1) Nahrungsmittelproduktion und Rohstoffgewinnung, (2) verarbeitendes Gewerbe und (3) Dienstleistungen eingeteilt; für eine kulturübergreifende Analyse vormoderner Wirtschaftssysteme sind ebenfalls noch (4) Tausch und Handel sowie (5) die Demographie von Bedeutung. All diese Bereiche lassen sich sowohl strukturell als auch quantitativ betrachten und werden innerhalb des Graduiertenkollegs in drei Forschungsachsen auf verschiedenen Maßstabsebenen analysiert (wie beispielsweise Individuum, Haushalt, Tempel, Siedlung, oder ‚größte gemeinsam handelnde Gruppe‘). Diese Ergebnisse bilden die Basis für diachrone und interkulturelle Vergleichsstudien innerhalb des Kollegs.

Betrachtungen struktureller Art beziehen sich auf die Gewinnungs-, Produktions- und Dienstleistungsorte, verschiedene Distributionsmechansimen und den dazugehörigen Routen oder den Orten und Regionen des Konsums. Die vielfältigen Fragestellungen innerhalb des Graduiertenkollegs sind dabei wie folgt: Welche funktionalen Zusammenhänge gibt es zwischen den naturräumlichen Faktoren und der vom Menschen gestalteten Umwelt und wie ist deren Einfluss auf die Wirtschaft? Wie beeinflussen gesellschaftliche und staatliche Rahmenbedingungen das wirtschaftliche Handeln in Siedlungszentren und ihrem Umland? Welche Akteure sind in die Wirtschaftsabläufe involviert und welche soziale Stellung haben sie? Wie wird in den Wirtschaftsräumen agiert und kommuniziert? Welche sozialen und ökonomischen Netzwerke entstehen? Welche Techniken werden angewendet und wie wird das technologische Wissen umgesetzt? Handelt es sich um einen profanen oder rituell-religiösen Konsum? Wie ist der Konsum symbolisch aufgeladen? Gibt es jahreszeitlich bedingte oder durch Alltag und Festkalender bestimmte Abläufe? Sind längerfristige Zyklen und Dynamiken zu beobachten? Gibt es Strategien zum Nachhaltigen Ressourcenmanagement?

Daneben ist es aber auch möglich, aufgrund der archäologischen Quellen exemplarisch Produktions-, Distributions- und Konsummengen zu erfassen, zu quantifizieren und statistisch auszuwerten. Für einen Vergleich muss jedoch beachtet werden, dass es sich zum Teil um prämonetäre Wirtschaftssysteme handelt oder die Quellen eine Schätzung des monetären Wertes einzelner Schritte schwierig machen. Deshalb werden innerhalb des Kollegs andere Bezugsgrößen, wie beispielsweise Arbeitszeit oder Kalorienverbrauch, genutzt. Die Fragen, die diesbezüglich behandelt werden, können folgendermaßen umrissen werden: Wie ist die landwirtschaftliche Produktion einer Region im Vergleich zur Demographie? Welche Bedeutung haben die einzelnen Produktionssektoren und wie lassen sie sich anhand der eingesetzten Arbeit vergleichen? In welchen Maßstäben findet die Produktion innerhalb von Siedlungen sowie urbaner Zentren statt und wie ist sie spezialisiert? Welche Güter wurden getauscht und welche Mengen wurden dabei transportiert? Welchen langfristigen Stellenwert hat die Montanindustrie gegenüber der Landwirtschaft zwischen dem Neolithikum und dem Mittelalter? Wie beeinflussen die institutionellen Rahmenbedingungen die Produktionsmenge? Welche Effekte hat technologischer Fortschritt auf die Produktion? Welche kulturellen und sozialen Mechanismen beeinflussen die Konsummenge einzelner Wirtschaftseinheiten?

Dies sind Fragen, die nicht nur für vormoderne, sondern auch für unsere heutige Gesellschaft von herausragender Relevanz sind, da sie den vielfältigen Umgang mit knappen Ressourcen beleuchten und alternative Lösungsstrategien aufzeigen können.