Zwischen den Kulturen: Fundkontexte, Ikonographie und Funktionen der Nolanischen Amphoren

→ Svenja Carolin Neumann

Um auswärtige Märkte zu erobern und sich gegen andere Exporteure durchzusetzen, entwickelten die attischen Werkstätten bereits ab archaischer Zeit Strategien: So entlehnten sie Gefäßformen etruskischen Bucchero-Gefäßen oder ließen sich, wohl von Händlern, über die Vorlieben der Käufer informieren und setzten sich insbesondere durch technologische Fortschritte (rotfigurige Maltechnik) durch.

Als die Produktion der attisch-rotfigurigen Nolanischen Amphoren, die zum Typus der Halsamphoren gehören, im 5. Jh. v. Chr. einsetzte, blickten Attika und Etrurien bereits auf lange andauernde und gut funktionierende Handelsverbindungen zurück. Überraschenderweise wurden die kleinformatigen Gefäße aber kaum nach Etrurien, dafür in großen Mengen nach Kampanien und Sizilien verhandelt. Umgekehrt ist bemerkenswert, dass insbesondere schwarzfigurige Halsamphoren bevorzugt in den etruskischen Raum, aber nur selten nach Kampanien exportiert wurden. Dieser beträchtliche Importrückgang attischer Halsamphoren nach Etrurien ist nicht allein auf die Niederlage der Etrusker gegen die Griechen in der Seeschlacht bei Kyme/Cumae 474 v. Chr., die eine Schwächung der etruskischen Wirtschaft und Kaufkraft zur Folge hatte, oder auf den allgemein stagnierenden Handel attischer Gefäße im 5. Jh. v. Chr. zurückzuführen. Dagegen sprechen unter anderem die hohen Fundzahlen attischer Vasen anderer Form, die fast bis zum Ende des 5. Jhs. v. Chr. als gängiger Importartikel nach Etrurien gelangten. Die Verschiebung des Exporthandels Nolanischer Amphoren hat also weniger mit politischen oder ökonomischen Problemen, sondern vermutlich mehr mit den sich ändernden Vorlieben und Bedürfnissen der Exportgebiete zu tun.

Diese Feststellungen führen zu der Frage nach den Handelsgründen und den dahinterstehenden Mechanismen. Um diese aber in ihrer Komplexität verstehen zu können, müssen die Güter unter Berücksichtigung folgender Aspekte analysiert werden:

a)    die Produzenten (Wurden die Gefäße marktorientiert produziert? Spezialisierten sich einzelne Werkstätten auf die Herstellung dieser Vasen und wie äußert sich diese Spezialisierung [Arbeitsteilung und –organisation]? In welchem Umfang wurden die Gefäße überhaupt produziert [Quantitäten auch im Vergleich mit Gütern derselben Werkstatt]?)

b)    die Konsumenten (Wer konsumierte die Produkte? Wonach richtete sich der Erwerb [Funktion, Form oder Ikonographie]? Wie wurden die Gefäße von den Käufern rezipiert [Fundkontexte und lokale Imitationen]?)

c)     die Diffusionsmuster (In welchen Regionen wurden die Gefäße überwiegend konsumiert und warum?)

d)    die Distributionsmechanismen (Welche Händler waren für die Distribution zuständig [Händlermarken und Gefäßpreise]? Arbeiteten einige Händler mit speziellen Werkstätten zusammen?)

e)    die Handelswege und deren Strukturen (geographische Situation, Infrastruktur, Transportart, Vernetzung einzelner Städte und Regionen).

Mittels dieser Untersuchungen wird es möglich sein, neben überregionalen Netzwerken (Attika ↔ Etrurien, Kampanien und Sizilien) auch regionale Netzwerkstrukturen (s. etwa die hohe Funddichte Nolanischer Amphoren in Nola und Capua) sowie den wirtschaftlichen Kreislauf (Produktion, Distribution und Konsumption) einer speziellen Gefäßform zu erschließen und somit sowohl methodische als auch inhaltliche Grundlagen für weitere Forschungen zu schaffen.

 

 

 

Bild links und rechts: Nolanische Amphora Bonn, Akademisches Kunstmuseum Inv.-Nr. 77 (Foto J. Schubert)

 

 

Dissertationsprojekt
Betreuer: Prof. Dr. Frank Rumscheid, Prof. Dr. Winfried Schenk