Wirtschaftsmentalitäten in Ägypten und Babylonien des ersten Jahrtausends v. Chr.

→ Dr. Alexander Schütze 

Das traditionelle Bild der Wirtschaft Ägyptens und des Vorderen Orients, wie es beispielsweise von Max Weber, Karl Polanyi oder Moses Finley geprägt wurde, ist das eines Redistributionssystems, in dem institutionelle Haushalte, z. B. Tempeldomänen, große Ländereien bewirtschafteten, um als quasi autarke Einheiten ihren eigenen Bedarf zu decken. Die uns bekannten Quellen zeigen jedoch, dass die Wirtschaft im ersten Jahrtausend v. Chr. weitaus komplexer war und insbesondere in der Achämenidenzeit eine große Dynamik erfuhr, die sich zum Teil auf die Wirtschaftspolitik der Großkönige zurückführen lässt.

Tatsächlich lassen sich unterschiedliche Typen wirtschaftlicher Akteure unterscheiden, von denen zwei Typen in der Forschung bislang ausführlicher diskutiert wurden: Der sogenannte Rentier-Typus, der seinen Reichtum aus Grundbesitz und Pfründen zog, wird insbesondere durch alteingesessene Priesterfamilien repräsentiert. Dem gegenüber stand der Entrepreneur-Typus, der beispielsweise durch Generalpächter verkörpert wurde, die im Auftrag der Krone oder von Tempeln größere Ländereien verpachteten und entsprechende Abgaben an die Krone abführten. Entrepreneurs fungierten als Mittler zwischen den großen Institutionen, der Krone sowie Kleinpächtern und wirtschafteten mit fremden Kapital. Beide Typen zeichneten sich durch ein ganz unterschiedliches Wirtschaftsverhalten aus. Während Rentiers hauptsächlich Grundbesitz und Pfründe akkumulierten und wirtschaftliche Transaktionen bevorzugt innerhalb der eigenen Familie tätigten (Schenkungen, Testamente usw.), führten Entrepreneurs risikoreichere Transaktionen mit externen Vertragspartnern durch (Darlehen, Verpachtungen). 

Archive zusammengehöriger Rechtsurkunden, die Verkäufe, Tauschgeschäfte, Verpachtungen, Schenkungen, Darlehen usw. dokumentieren, spielen als Produkte wirtschaftlicher Transaktionen eine entscheidende Rolle in der Analyse von Wirtschaftsmentalitäten. In den Urkunden sind wirtschaftliche Akteure unterschiedlichster institutioneller Ebenen anzutreffen: Priesterfamilien, Palastverwalter, Manager königlicher Liegenschaften, Militärkolonisten, Kleinpächter bis hin zu Hirten von Tempeldomänen. Die Urkunden lassen konkrete Aussagen über die spezifischen Mentalitäten der einzelnen Typen zu, die Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen hatten. Die Unterscheidung in Rentiers und Entrepreneurs bietet dabei nur eine grobe Einteilung, die weiterer Differenzierung bedarf.

Ziele dieses Forschungsvorhabens sind die (1.) Erstellung einer Typologie wirtschaftlicher Akteure, (2.) die Untersuchung der Beziehungen zwischen diesen Akteuren und institutionellen Haushalten wie Tempeldomänen sowie (3.) die Analyse des Einflusses politischer Rahmenbedingungen auf das wirtschaftliche Handeln. Diese drei Themenkomplexe werden mit Hilfe methodischer Handwerkszeuge wie der Neuen Institutionenökonomik und Sozialen Netzwerkanalyse bearbeitet. Ägypten und Babylonien bieten sich als Fallbeispiele besonders an, da für diese Regionen zum einen eine hinreichende Quellenbasis vorliegt, sie sich zum anderen aufgrund ihrer unterschiedlichen geopolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen gut miteinander vergleichen lassen. Die bislang kaum unter ökonomischen Gesichtspunkten untersuchten ägyptischen Quellen sollen dabei Ergebnissen aus der Erforschung babylonischer Urkundenarchive gegenübergestellt werden.