Wirtschaftliche Aspekte des byzantinischen Pilgerwesens

→ Max Ritter

Frömmigkeit ist nicht die alleinige Triebfeder für die Entwicklung von Pilgerzentren. Das Teilprojekt erforscht den Zusammenhang zwischen ökonomischen Größen und dem byzantinischen Pilgerwesen im einerseits diachronen Verlauf und andererseits überregionalem Vergleich auf der Basis von Schriftquellen und archäologischem Material.

Um der Korrelation zwischen ökonomischer Dynamik und der Kultentwicklung des Pilgerwesens auf die Spur zu kommen, soll auf Basis der griechischen und lateinischen Quellen mittels Quellenkritik, aber auch Methoden der modernen Wirtschaftstheorie in einem diachronen Entwicklungsvergleich zwischen den drei Wallfahrtsräumen Heiliges Land, Kleinasien, und Konstantinopel Entwicklungszusammenhänge erschlossen und interpretiert werden. Diese drei Regionen weisen ein räumliches Zusammenspiel auf, da sie zum einen in kultischen Fragen stärker konkurrierten (herausragende Stätten der Apostel, Passionswallfahrten unter Einschluss der Passionsreliquien) und aufgrund ihrer räumlichen Abfolge aus byzantinischer Sicht in einen Zusammenhang gehörten.

Einerseits soll in diesem Teilprojekt die ökonomische Struktur der Heiligtümer erforscht werden, was aufgrund der Quellenlage nur anhand weniger ausgewählter Kultorte möglich sein wird (z.B. Ephesos, Thekla in Meriamlik, Qal‘at Sim‘an). Welche Bedeutung hatte der Eulogienhandel für die Wallfahrtsorte selbst, wie wurden diese an den wirtschaftlichen Aktivitäten am Kultort beteiligt? Wer waren die Profiteure der Umsätze des örtlichen Handels, und welche Dienste wurden kostenfrei angeboten? Welchen Anteil hatten Stiftungen am wirtschaftlichen Gedeihen der Wallfahrtsorte? Welche Rolle spielten die Panegyrien genau, und wie wurden sie in den Wallfahrtsablauf eingebunden (Kollekten)?

Andererseits gilt es zu erforschen, welche Gründe tatsächlich zum Aufstieg von Wallfahrtsorten in der Administration führten. Ist es tatsächlich der Ruhm Euchaitas als Verehrungsort für die Drachentötung des hl. Theodoros, der zur Aufwertung zu einem Bistum, über die Autokephalie bis schließlich sogar zur Metropolis führte? Oder sind die baulich fassbaren Erweiterungen wie Ummauerung und Erhöhung des administrativen Status sowie der nachweisbare Wohlstand Euchaitas nicht vielmehr auf das Ausschöpfen des ökonomischen Potentials der Wallfahrtsaktivitäten zurückzuführen? Ähnliche Überlegungen lassen sich im Bereich der Reliquientranslationen und –aufdeckungen anstellen, inwieweit die Überreste von Heiligen als wirtschaftliche Größe anzusehen sind, die die Zukunft einer Stadt und Region maßgeblich beeinflussen konnten? Für Verhältnisse im westeuropäischen Mittelalter liegen solche Untersuchungen bereits vor; es gilt, diese nun auch für die Verhältnisse im Byzantinischen Reich mit seinen eigenen Traditionen anzuwenden und zu prüfen, welche Phänomene dort zu beobachten sind.

 

 

 

Dissertationsprojekt
Betreuer: Prof. Dr. Johannes Pahlitzsch (Mainz), Prof. Dr. Claudia Sode