Wirtschaft und Distribution am westfälischen Hellweg während der römischen Kaiserzeit (1.-5. Jh. n. Chr.)

→Kala Drewniak

Während der ersten fünf Jahrhunderte n. Chr. war der Großteil Europas durch die Vorherrschaft Roms geprägt. Die Grenzen wurden entlang des Rheins und der Donau durch den Limes definiert, der die Provinzen von den Gebieten jenseits der Flüsse trennte. Dennoch belegt die hohe Anzahl von römischen Objekten aus den bisher bekannten Fundplätzen im Barbaricum einen Austausch zwischen den Bewohnern beider Gebiete, der regional und zeitlich sehr unterschiedlich verlief.

 

Wissenschaftliche Fragestellung

Die Arbeit zur Wirtschaft und Distribution am westfälischen Hellweg während der römischen Kaiserzeit befasst sich mit der ökonomischen Struktur im Gebiet zwischen Rhein und Weser. Der Begriff „Hellweg“ beschreibt ursprünglich eine mittelalterliche Wegverbindung zwischen Duisburg am Rhein und dem Weserübergang bei Corvey. Für die wirtschaftsarchäologische Studie wird dieser Begriff zur Eingrenzung des geographischen Rahmens übernommen, wobei die Besonderheit des dicht besiedelten Hellwegraumes in seiner Lage unmittelbar am Niedergermanischen Limes besteht.

Der Aspekt der „römischen Importe“ ist seit jeher ein wesentlicher Bestandteil der Barbaricumforschung, sowohl im Hinblick auf chronologische Fragestellungen, als auch auf die Sozialstrukturen in diesem Gebiet (Eggers 1951; Steuer 1982). Bisher verfasste Arbeiten diskutieren hauptsächlich die Herkunft der „Importe“ (Beute, Handel oder politisches Geschenk an soziale Eliten (RGA s.v. „Römischer Import“), nicht jedoch ihre Bedeutung als Indikatoren für wirtschaftliche Prozesse.

Die Fragestellung meiner Arbeit lässt sich demnach am treffendsten wie folgt formulieren: „Wie gestaltet sich der Austausch zwischen den römischen Provinzen und dem mitteleuropäischen Barbaricum in der Grenzregion am westfälischen Hellweg und wie kann die Verknüpfung der rechtsrheinischen Siedlungen untereinander im Hinblick auf die Distribution von (römischen) Waren und Dienstleistungen charakterisiert werden?“

Im Wesentlichen werde ich mich auf folgende Schwerpunkte konzentrieren:

  • Welche archäologisch fassbaren Güter sind im Forschungsgebiet verbreitet und was wurde nicht verhandelt? Welche römischen Produktionszentren können mit diesen Waren in Verbindung gebracht werden und wie verteilen sich diese Waren innerhalb der Fundplätze (Siedlungen/Gräberfelder/Deponierungen)?
  • Welche Mechanismen können mit der Verbreitung der Waren in Verbindung gebracht werden (vgl. Reziprozität, Redistribution und Handel; Polanyi 1957, zusammengefasst bei Rössler 2008) und (wie) kann der Markt in der Hellwegregion definiert werden (Garraty/Stark 2010)? Spielen Zentralorte eine Rolle innerhalb der regionalen Infrastruktur und wie wurden Waren ins Innere des Barbaricums verteilt?
  • Welche Rolle spielt der Niedergermanische Limes für den Austausch zwischen den Nord-West-Provinzen und dem westlichen Hellweg, bzw. wurde der Limes von den Personen, die ihn passierten als Grenze wahrgenommen (Bridger 2012, Kyritz 2014, Mirschenz 2013)? Worin bestehen die Besonderheiten dieses eigenständigen Grenzraumes?

 

Materialgrundlage und Forschungsmethode

Ausgangspunkt der Untersuchung ist der rechtsrheinisch gelegene Fundplatz Duisburg-Serm, der eventuell als Umschlagplatz angesprochen werden kann und als Fallbeispiel für wirtschaftliche Interaktionsprozesse in der Grenzregion des Niedergermanischen Limes dienen soll. Der Standort befindet sich nicht auf römischem Gebiet, allerdings in Sichtweite des gegenüberliegenden Kastells Krefeld-Gellep. Die lange Nutzung des Platzes während des gesamten ersten Jahrtausends n. Chr. ist wahrscheinlich auf die besonders stabile Situation an einem Rheinbogen zurückzuführen, welche die Überquerung des Flusses an dieser Stelle ermöglichte (Drewniak/Frank/Gerlach/Zerl 2016). Zudem weist der Fundplatz seit dem Neolithikum eine Fülle an Objekten auf, die ein verbindendes Element zwischen dem linksrheinischen und den rechtsrheinischen Gebieten bilden.

Um die Funktion des Fundplatzes innerhalb des Hellwegbereiches verstehen zu können, werden die bisher bekannten rechtsrheinischen Fundplätze in eine GIS-gestützte Datenbank aufgenommen. Für ein besseres Verständnis der ökonomischen Struktur werden Zusammenhänge in Form von GIS-basierten Verteilungskarten auf Grundlage der o. g. Datenbank erstellt. Durch die Darstellung der Verknüpfungen von Fundstellen im Hellwegraum kann das Netzwerk betrachtet werden, das für den wirtschaftlichen (und somit auch sozialen) Austausch zwischen der Provinz und dem Arbeitsgebiet eine grundlegende Rolle gespielt hat.

 

Beitrag zur Wirtschaftsarchäologie

Die Dissertation leistet einen Beitrag zur Wirtschaftsarchäologie im Gebiet des Niedergermanischen Limes im Zeitraum vom 1. bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. Anhand einer Fallstudie zur Hellwegregion befasst sich die Arbeit mit der Verbreitung und der Konsumtion von (archäologisch nachweisbaren) Gütern in einem Grenzraum zwischen zwei in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht unterschiedlichen Regionen: Dem grenznahen Barbaricum, einer nicht staatlichen Gesellschaft, und der durch den römischen Staat organisierten Provinz Niedergermanien. Einen wichtigen Aspekt der Studie bildet zudem die Frage, inwiefern wirtschaftsarchäologische Modelle zur Klärung von Austauschprozessen im Untersuchungsgebiet beitragen können.

 

Betreuer: Prof. Jan Bemmann (Bonn), Prof. Eckhard Deschler-Erb (Köln)

 

Literatur:

  • C. Bridger, New Roman Finds from the east bank of the Lower Rhine in Germany – or Where did they put the border? In: Limes XXII. Proceedings of the 22nd International Congress of Roman Frontier Studies. Ruse, Bulgaria (September 2012), 735-749.
  • K. Drewniak/K. Frank/R. Gerlach/T. Zerl, Duisburg-Serm in der römischen Kaiserzeit: Kopfstation des Hellwegs an der Schnittstelle zweier Wirtschafts- und Distributionssysteme. In: J. Bemmann/M. Mirschenz (Hrsg.). Der Rhein als europäische Verkehrsachse 2. Bonner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie 19 (Bonn 2016) 285-334.
  • H.-J. Eggers, Der römische Import im freien Germanien. Atlas der Urgeschichte 1 (Hamburg 1951).
  • Ch. P. Garraty, B. L. Stark, Archaeological approaches to market exchange in ancient societies (University Press of Colorado 2010).
  • D. Kyritz, Haffen-Mehr. Die Kontaktzone am niederrheinischen Limesgebiet. Dissertation Universität Bonn 2014.
  • M. Mirschenz, Fließende Grenzen. Studien zur römischen Kaiserzeit im Ruhrgebiet. Bochumer Forschungen zur Ur- und frühgeschichtlichen Archäologie 6 (Bochum 2013).
  • K. Polanyi, The Economy as Instituted Process. In: K. Polanyi/C. M. Arensberg/H. W. Pearson (Hrsg.), Trade and Market in the Early Empires. Economy in History and Theory (Chicago 1957), 3-32.
  • M. Rössler, Wirtschaftsethnologie. Eine Einführung (Berlin 2008).
  • H. Steuer, Frühgeschichtliche Sozialstrukturen in Mitteleuropa. Eine Analyse der Auswertungsmethoden des archäologischen Quellenmaterials. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Phil.-Hist. Kl., 3. Folge Nr. 128 (Göttingen 1982).