Etruskische Heiligtümer des 8.–5. Jhs. v. Chr. als Wirtschaftsräume und Konsumptionsorte von Keramik

→ Robinson Krämer

Sakrale Institutionen spielen innerhalb der etruskischen Kultur seit der Frühzeit eine entscheidende Rolle bei sozialen, politischen und ökonomischen Prozessen. Es ist das Ziel dieser Dissertation, die bisher nicht untersuchte wirtschaftliche Rolle von etruskischen Heiligtümern zu analysieren. Das Untersuchungsgebiet bildet das etruskische Kernland, welches durch den Apennin und durch den Arno und Tiber auf natürliche Weise eingegrenzt ist. Als Datengrundlage dienen 51 systematisch erfasste Sakralkontexte aus dem Untersuchungszeitraum des 8.–5. Jhs. v. Chr. Dabei wurden erstmals die Keramikfunde unter quantitativen und qualitativen Gesichtspunkten dokumentiert sowie ein Katalog der 333 Gefäßinschriften mit Editionen und Übersetzungen zusammengestellt. Bislang unzureichend oder gar nicht publizierte Gefäßfunde aus neun Kultplätzen konnten von mir aufgenommen und in die Analyse dieser Arbeit integriert werden. Für die Rekonstruktion der wirtschaftlichen Funktion etruskischer Heiligtümer wurden die Daten anhand von drei übergeordneten Fragestellungen analysiert.

1. Keramik als Konsumptionsgut in etruskischen Heiligtümern

In diesem zentralen Kapitel wurden die im Dokumentationsteil aufgenommenen Gefäßfunde unter quantitativen und qualitativen Gesichtspunkten analysiert. In Nordetrurien sind die Fundmengen der Keramik, der griechischen Importe und der Gefäßinschriften deutlich geringer als in Zentral- und Südetrurien. Es lässt sich gleichermaßen ein deutliches Gefälle zwischen den Küstengebieten und dem Landesinneren erkennen.
Anhand von Funktionsanalysen der Keramik lassen sich spezifische Konsumptionsformen und Aktivitäten nachweisen. Die zentralen Handlungen in Heiligtümern waren das Speisen und Trinken, durchschnittlich diente etwa die Hälfte der Keramikfunde eines Kultplatzes diesem Zweck. Die zweitwichtigste Funktion von Keramik im Heiligtum bestand in der Aufbewahrung und Akkumulation von Nahrung und Flüssigkeiten. Es konnten große geographische und chronologische Unterschiede im Konsum von Keramik und in den Aktivitäten in den Heiligtümern nachgewiesen werden.
Während in Griechenland Produktion von spezieller Keramik für Heiligtümer und Rituale (z.B. ‚Choen-Kannen‘, ‚Panathenäische Preisamphoren‘ oder ‚Kabirenkantharoi‘) häufig bezeugt sind, ist in Etrurien eine derartige Spezialisierung nur in geringem Maße zu beobachten (etwa bei Miniaturgefäßen und ‚Spurinas-Tellern‘). Die griechische Importkeramik ist in etruskischen Heiligtümern vor allem durch Trinkschalen und Kylikes vertreten, andere Gefäßformen spielen dagegen eine stark untergeordnete Rolle. Damit kann für etruskische Heiligtümer im Vergleich zu Siedlungsbefunden und Grabkontexten von einer ‚Standardisierung‘ bzw. von einer bewussten Einschränkung hinsichtlich des Formenspektrums der griechischen Importkeramik ausgegangen werden.

2. Produktion und Gewerbe in Heiligtümern

In diesem Kapitel wurden Produktionen in Ton, Metall und Textilien, sowie die Funktionen von Schrift und Gewichten in etruskischen Heiligtümern untersucht. Die Analyse der Organisationsformen von Produktionen und Gewerbe zeigt, dass diese häufig in hohem Maße in Heiligtümern eingebettet und von diesen abhängig (‚attached specialists‘) waren. Im etruskischen Heiligtumskontext wurden unter der Aufsicht und Kontrolle der Priesterschaften Metall verarbeitet, hochwertige Textilien hergestellt sowie Ritualbücher und Texte entwickelt. Ebenso sind Standardisierungen und Synchronisierungen von verschiedenen Gewichtseinheiten in etruskischen und latialen Sakralkontexten (ponderaria) belegt, welche wichtige Voraussetzungen für den prämonetären Austausch und die Einführung späterer Münzsysteme bildeten. Etruskische Heiligtümer waren damit zentrale Wirtschaftsräume mit spezialisierten Produktionen und Verarbeitungen von wertvollen Ressourcen und Objekten.

3. Die Entwicklung und die politische Ökonomie der etruskischen Sakrallandschaft

Die politische Ökonomie der etruskischen Sakrallandschaft wurde anhand von vier Analysen repräsentativer Indikatoren rekonstruiert: Laufzeiten und Architektur der Heiligtümer, Keramikfunde, Gefäßinschriften, sowie Theonyme und Kultbilder. Auf der Grundlage dieser Auswertungen konnten überregionale sozio-ökonomische Entwicklungen der etruskischen Sakrallandschaft in fünf Phasen rekonstruiert werden:

1. gemeinschaftliche Riten in Kultplätzen in den Zentren und auf akropoleis/arces der proto-urbanen Siedlungen (ca. 8. Jh. v. Chr.);
2. die Entstehung einer in sich geschlossenen Adelskultur, die sich durch Feste, Bankette und Fleischkonsum von der restlichen Bevölkerung absetzt und Statusunterschiede naturalisiert (ca. 7. Jh. v. Chr.);
3. Machtkämpfe der sozialen Eliten, die versuchten über religiöse Institutionen die Kontrolle über die Stadt-Staaten zu erlangen (ca. 630–580/570 v. Chr.);
4. ein Monumentalisierungsschub, der mit einer Monopolisierung der sakralen Institutionen in den Stadt-Staaten einhergeht (ca. 570–490 v. Chr.);
5. die Neuordnung der Sakrallandschaft im Rahmen von sozialen und politischen Umwälzungen (gegen Ende des 6. Jhs./zu Beginn des 5. Jhs. v. Chr.).

 

Bild links: Karte Etruriens mit den Kultplätzen des Dissertationsvorhabens

Bild rechts: Darstellung einer Opferszene auf einer attischen Kylix aus dem Heiligtum von Peccioli, Ortaglia

 

Dissertationsprojekt
Betreuer: Prof. Dr. Martin Bentz, PD Dr. Jon Albers