Untersuchungen zu Handwerk und Handel in der altmongolischen Hauptstadt Karakorum

→ Susanne Reichert 

Die Errichtung großer Städte gilt nicht als integraler Bestandteil der nomadischen Kultur und Wirtschaftsweise, und doch ist Karakorum kein Einzelbeispiel, wie man an Kharbalgas, der uighurischen Hauptstadt, sieht. Die Genese und Entwicklung Karakorums ist aufs engste mit der politischen Geschichte verknüpft, wurde die Stadt doch planmäßig errichtet. Der Wegfall welcher Faktoren hatte dann zum Zusammenbruch der städtischen Infrastruktur geführt? Welche Strukturen bewirken, dass es in der Mongolei keine kontinuierlich besiedelten Städte gibt, wie wir sie aus Mitteleuropa kennen? Es liegt nahe, die Gründe hierfür in unterschiedlichen ökonomischen Systemen zu suchen.

Die wirtschaftlichen Grundlagen des nomadischen Pastoralismus können als bekannt vorausgesetzt werden, speziell über Produktion in nomadischen Gesellschaften gibt es allerdings kaum Informationen. Die archäologischen Hinterlassenschaften Karakorums bieten erstmals die Gelegenheit, ein neues Bild zu zeichnen. Wahrscheinlich 1220 von Dschinghis Khan gegründet, war Karakorum bis 1260 Hauptstadt und stellte den administrativen und fiskalen Mittelpunkt des Reiches dar.

Nach ersten archäologischen Forschungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden von 2000 bis 2005 im Zentrum der Stadtwüstung von Karakorum durch die Universität Bonn erneute Ausgrabungen durchgeführt. Südlich des zentralen Straßenkreuzes wurden Hinterlassenschaften von Handwerksbetrieben aufgedeckt.

Das Dissertationsvorhaben befasst sich mit der Auswertung dieser Handwerksbetriebe, die die Verarbeitung von Eisen, Buntmetall, Edelmetall, Glas, Birkenrinde und Knochen umfassen. Neben Halbfabrikaten und Produktionsmaterial wie Werkzeugen und Gusstiegeln sind die Werkstätten über produktionstechnische Befunde wie Feuerungsanlagen oder Holzständer für Ambosse nachweisbar.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage, wie die Wirtschaft im Hinblick auf die Produktion in der Stadtmitte Karakorums innerhalb einer nomadisch geprägten Umgebung zu charakterisieren ist und welche Wechselwirkungen mit der politischen Geschichte aufgezeigt werden können.

 

 
Dissertationsprojekt
Betreuer: Prof. Dr. Jan Bemmann, Prof. Dr. Bethany Walker