Die ökonomische Entwicklung der nordwestlichen Grenzprovinzen des Römischen Reiches (1. Jahrhundert v. Chr. bis 5. Jahrhundert n. Chr.)

→ Erik Timmerman

Diese wissenschaftliche Arbeit versucht an dem allgemeinen Diskurs über die Natur der wirtschaftlichen Entwicklung in der römischen Epoche teilzuhaben. Dabei dreht es sich um die Frage, ob die römische Ökonomie nur eine ständige Steigerung, resultierend aus der territorialen und demographischen Expansion, widerspiegelt oder ob es auch ein Pro-Kopf-Wachstum involviert, das im Zusammenhang mit einer gestiegenen Effizienz des Wirtschaftssystems steht. Zusätzlich wird in der Fachwelt über die Verteilung des Reichtums debattiert. Es herrscht eine übereinstimmende Meinung darüber, dass Italien für einige Zeit wirtschaftlich profitiert hat. Aber geschah diese Bereicherung auf Kosten der eroberten Provinzen oder haben diese Gebiete auch ein Wirtschaftswachstum erfahren?

Im Zuge der wissenschaftlichen Arbeit müssen einige wichtige Fragen untersucht werden: In welchem Ausmaß erlebten die nordwestlichen Grenzprovinzen des römischen Imperiums ein allgemeines wirtschaftliches und Pro-Kopf-Wachstum in der Periode zwischen dem ersten Jahrhundert vor Christus und dem fünften Jahrhundert nach Christus? Welche Ursachen können identifiziert werden, die diesen Anstieg und den nachfolgenden Verfall erklären können? Das Projekt beschränkt sich sowohl aus praktischen als auch aus konzeptuellen Gründen auf eine regionale Untersuchung mit einem Fokus auf ausgesuchte Bereiche der nordwestlichen Provinzen des römischen Reiches (Germania Inferior und Germania Superior, siehe Karte in Abb. 1). Durch die Analyse kann eine Vielzahl an archäologischen Daten erfasst werden, die in den letzten Jahren verfügbar wurden und teilweise erstklassiges Material beinhaltet. Es wird ein großes Spektrum archäologischer Proxy-Datensätze genutzt, um die demographischen und ökonomischen Tendenzen in dieser peripheren Region abzulesen. Hierfür werden beispielsweise Siedlungsstrukturen, Münzen, Keramik, archäobotanisches sowie archäozoologisches Material berücksichtigt. Das Projekt wird anhand einer longue dureé Vorgehensweise die ökonomischen Entwicklungsvorgänge von der vorrömischen Zeit über die römische Ära bis hin zum Niedergang des westlichen römischen Reiches in der Spätantike zwischen dem dritten und fünften Jahrhundert nach Christus analysieren. Sind die Bevölkerung und die Urbanisierung angestiegen und gibt es Indikatoren für einen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens? Haben sich solche fortschrittlichen Entwicklungen auch im unteren Teil der sozialen Gesellschaft niedergeschlagen oder waren sie nur einer kleinen Elite vorbehalten? Gedanklich liegt der Vorteil der Fokussierung auf diese periphere Region darin, dass die Untersuchung des Ausmaßes und der Grenzen des römischen Wirtschaftswachstums und der ökonomischen Entwicklung fernab des Kerns des Imperiums stattfindet – der potentielle wirtschaftliche Erfolg der weitabliegenden Grenzprovinzen kann folglich nicht im Zusammenhang mit der imperialen Expansion stehen. Hat die Militarisierung der germanischen Grenze, Steuererhebungen auf provinzieller Ebene, die Einführung eines wohltätigen institutionellen Rahmenkonzeptes und einige technologische Erneuerungen, wie in der Landwirtschaft und in der Erzförderung, wichtige Stimuli für die Entwicklung einer Marktwirtschaft in diesen Provinzen gefördert?

Der aktuelle Diskurs über den wirtschaftlichen Verlauf zu Zeiten des römischen Reiches wird vorrangig auf einer imperialen Ebene geführt. Dies hat den Nachteil, dass anders als bei einer regionalen Betrachtung die neuen archäologischen Daten nicht intensiv genug berücksichtigt werden. Vielmehr noch kann eine derartig übergreifende Perspektive keine effiziente Darstellung des hohen Grades der interregionalen Variabilität gewährleisten, die unzweifelhaft in einem Imperium mit einer solchen Ausdehnung existierte und die es verdient untersucht zu werden – selbst um nur herauszufinden welche Konditionen das Wachstum dazu veranlassten sich zu bewegen und welche nicht. Studien, die bereits existierendes und neu verfügbares archäologisches Material aus verschiedenen Regionen des römischen Reiches nutzen, sind unabdingbar um ein allgemeines Bild der wirtschaftlichen Entwicklung innerhalb des Imperiums schaffen zu können sowie eine regionale Abweichung zu isolieren und diese zu erklären. Untersuchungen der ökonomischen Prozesse der Grenzprovinzen sind besonders interessant, da dieses Gebiet traditionell als wohlstandsbringende Expansion zugunsten des italischen Kernes gesehen wird. Durch diese regionale Analyse kann ein wichtiger Beitrag zum allgemeinen Diskurs über die wirtschaftlichen Entwicklungen in der römischen Epoche beigetragen werden. Indem man diese Auswertung mit dem weiterentwickelten und hochqualitativen Stand der archäologischen Untersuchungen kombiniert erhält man eine ideale Teststudie zu den ökonomischen Vorgängen in den nördlichen Grenzprovinzen des römischen Reiches.

Die methodische Annäherung, die in der wissenschaftlichen Arbeit erstrebt wird, wird im Wesentlichen quantitativer Natur sein. Dabei werden Indikatoren und treibende Kräfte der allgemeinen ökonomischen und Pro-Kopf-Entwicklung in archäologischen Proxy-Datensätzen zusammengestellt. Im unteren Diagramm sind hierzu die Beziehungen zwischen der Datenbank und dem wirtschaftlichen Verlauf dargestellt. Um die Motoren und Anzeiger der durchschnittlichen wirtschaftlichen Entwicklung unter demographischen Aspekten herauszustellen, wird der wissenschaftliche Ansatz von Bowman und Wilson des Römischen ökonomischen Projekts zu Oxford verfolgt (Bowman and Wilson 2009).  Der Nachweis für potentielle Treiber der Pro-Kopf-Entwicklung kann durch antike Hinterlassenschaften erbracht werden. Wie zum Beispiel für den Handel, verbesserte Technologie, die Intensivierung der Kapitalanlage, eine Steigerung in der Arbeitsteilung, der intentionellen Ausbildung von Arbeitskräften sowie institutionelle Standpunkte und Stimuli. Es können auch Anzeiger betrachtet werden, die Vorschlagen, dass diese Entwicklung tatsächlich stattgefunden hat. Dazu zählen die Urbanisierung, Einfuhrsubstitution, eine Steigerung des Konsums und höhere Lebensstandards. Einzeln betrachtet, bilden diese regionalen Analysen kein starkes Argument für eine Beurteilung, jedoch können sie zusammengefasst als guter Beleg gesehen werden. Darum werden bei dieser Untersuchung verschiedene dieser Datensätze kombiniert um eine allgemeine Synthese der Hauptansichten innerhalb der wirtschaftlichen Entwicklung der nordwestlichen Grenzprovinzen zu fördern.

 

Abb. 1 Karte der Grenzprovinzen Germania Inferior und Germania Superior. Die Ellipse zeigt das Hauptgebiet an, auf das sich die Untersuchung fokussiert. (http://dare.ht.lu.se/).

Abb. 2 Diagram der Relation zwischen ökonomischer Entwicklung und Proxy-Datensätzen. (hierbei handelt es sich nicht um einen vollständigen Überblick, sondern lediglich um einige Beispiele).

Betreuer: Prof. Dr. Peter Franz Mittag