Sozioökonomische Beziehungen im ptolemäischen Pathyris: Ein netzwerkanalytischer Ansatz anhand einer zweisprachigen Gemeinschaft

→ Lena Tambs

Ziel und Fragestellung des Projekts

Ziel des Projektes ist eine detaillierte Studie des ptolemäischen Militärlagers Pathyris (2.-1. Jh. v. Chr.) mit Hilfe einer systematischen Analyse der Bewohner und ihrer sozialen sowie wirtschaftlichen Netzwerke. Neben der Untersuchung der strukturellen Komplexität der sozioökonomischen Beziehungen innerhalb einer antiken Gemeinschaft geht das Projekt der Frage nach, wie und in welchem Umfang die Anwendung der Netzwerktheorie und der Sozialen Netzwerkanalyse (SNA) das Potenzial hat, unser Verständnis des sozialen und wirtschaftlichen Lebens dieser Zeit zu erweitern.

Eine bikulturelle Gemeinschaft im Alten Ägypten

Pathyris (modernes Gebelein) liegt strategisch zwischen zwei Felsformationen etwa 30 km südlich von Theben (modernes Luxor). Obwohl die umliegenden Gebiete seit prähistorischer Zeit besiedelt waren (Fiore Marochetti 2013: 1), beschränkt sich der zeitliche Rahmen des Projekts auf eine genau definierte Zeitspanne von etwa 75 Jahren – von der Gründung einer militärischen Unterabteilung zwischen 165 und 161 bis zu dessen Aufgabe im Jahre 88 v. Chr.


Nach oberägyptischer Praxis waren die Soldaten, die Pathyris und den benachbarten Militärlagern angehörten, überwiegend Einheimische, die in Krisenzeiten als Soldaten arbeiteten (Vandorpe 2011: 296). Die aus den Soldaten und ihren Familien entstandene Gemeinschaft war also überwiegend ‘ägyptisch’.

Aktive Versuche zur Hellenisierung der Region führten jedoch dazu, dass eine Reihe von griechischen Wirtschafts- und Rechtsinstitutionen eingeführt wurden – zunächst auf regionaler, später allerdings auch auf lokaler Ebene. Maßgeblich sind die Gründungen eines griechischen Notariatsbüros im Jahre 136, eines lokalen Zweigs der (königlichen) Bank im Jahre 116 und einer Kornkammer (und damit auch eines lokalen Finanzinstitutes) zwischen September 114 und August 112 v. Chr. (Vandorpe 2011: 297- 299).

Alte Karte. Leaflet | Tiles © MapBox | Data © OpenStreetMap and contributors, CC-BY-SA | Tiles and Data © 2013 AWMC CC-BY-NC 3.0. Ortsname vom Autor hinzugefügt.

Aktive Versuche zur Hellenisierung der Region führten jedoch dazu, dass eine Reihe von griechischen Wirtschafts- und Rechtsinstitutionen eingeführt wurden – zunächst auf regionaler, später allerdings auch auf lokaler Ebene. Maßgeblich sind die Gründungen eines griechischen Notariatsbüros im Jahre 136, eines lokalen Zweigs der (königlichen) Bank im Jahre 116 und einer Kornkammer (und damit auch eines lokalen Finanzinstitutes) zwischen September 114 und August 112 v. Chr. (Vandorpe 2011: 297- 299).

Trotz erheblicher Sichtbarkeit im Quellenmaterial ist es bemerkenswert, dass Pathyris sich schnell zu einer bikulturellen Gemeinschaft mit koexistierenden griechischen und ägyptischen Praktiken, Institutionen und Sprachen entwickelte, anstatt vollständig von der griechischen Kultur vereinnahmt zu werden. Ein umfangsreiches Korpus von erhaltenen schriftlichen Quellen ermöglicht eine außergewöhnlich detailierte Untersuchung dieses antiken Militärlagers.

Textquellen aus dem Militärlager von Pathyris

 

Es ist bemerkenswert, dass der Großteil der Texte dokumentarisch ist, weil verschiedene Arten von Dokumenten verschiedene Arten von Informationen enthalten. Die untersuchten Texte stammen größtenteils aus Familien- und Institutionenarchiven von Pathyris. Dies ist besonders glücklich, da Archive typischerweise Texte zu bestimmten Personen, Familien oder Institutionen und ihren erweiterten Beziehungen enthalten. Oft sind einzelne Personen in mehreren Dokumenten eines Archivs und in Dokumenten verschiedener Archive erwähnt. Die Informationen über soziale Beziehungen dieser Akteure können daher sinnvoll miteinander verknüpft und in Form eines Netzwerks visualisiert werden.

P. Adler Dem. 23 (PC 870a). Demotischer Vertrag bezüglich eines Landverkaufs vom 12. Januar 89 v. Chr. Tm Arch 106: Horos, Sohn von Nechoutes. Courtesy of the Papyrus Carlsberg Collection.

Insgesamt wurden 21 Graeco-Demotische Archive aus griechischen, demotischen und griechisch-demotischen Dokumenten rekonstruiert (siehe Vandorpe 1994, Vandorpe & Waebens 2009, TM Arch Pathyris). Die mit diesen Archiven verknüpften Papyri, Ostraca und hölzerne Tafeln repräsentieren den empirischen Datensatz des Projekts.

Ein Netzwerkanalytischer Ansatz

Seit den 1970er-Jahren haben Aspekte der Netzwerktheorie historische und archäologische Studien beeinflusst (Erickson 1997: 150-151, siehe auch Ruffini 2008: 14-20). Von besonderer Bedeutung für dieses Projekt ist die Soziale Netzwerkanalyse (SNA) – ein methodischer Ansatz zur Identifizierung, Beschreibung und Erklärung von Mustern sozialer Beziehungen.

Allen Netzwerkperspektiven gemein ist die grundlegende Annahme, dass verschiedene Einheiten in Beziehung miteinander stehen und dass diese für das Verständnis ihres Verhaltens in der Vergangenheit grundlegend sind (Brughmans, Collar & Coward 2016: 7). Innerhalb einer Netzwerkperspektive können städtische Gesellschaften als dynamische ‘whole-networks’ konzipiert werden (Marsden 2005: 8), die strukturell durch komplexe Systeme von überlappenden, konkurrierenden und/oder zusammenarbeitenden Teilnetzen zusammengesetzt sind.

Mit Hilfe digitaler und analytischer Werkzeuge für die Organisation und Visualisierung großer und komplexer sowie ganzheitlich betrachteter Datensätze analysiert SNA Muster sozialer Beziehungen durch Anwendung der Netzwerktheorie.  Dabei werden Netzwerke als soziale Strukturen verstanden, bestehend aus Sätzen von ‘nodes’ (Akteuren) und ‘ties’ (relationale Bindungen), die ihre Interkonnektivität repräsentieren (Wellman, B. & S. D Berkowitz [Hrsgg.] 1988: 4).

Antike Archive werden in der Regel einzeln und nur für sich betrachtet, jedoch sind die in sogenannten ‘small-world’ Gemeinden wie Pathyris erhaltenen Archive oft miteinander verbunden und überlappend. Zum Beispiel taucht der Besitzer des sogenannten Archivs von Horos, der Sohn von Nechouthes (TM Arch 106), in den Korrespondenzen von Pates und Pachrates (TM arch 59) wieder auf, hier als Soldat, der im jüdisch-syrisch-ägyptischen Konflikt von 103-101 v. Chr. gekämpft hat. Durch ein solches überlappendes Auftreten von Charakteren, können die Archive zusammengeführt werden. Als fruchtbarerer Ansatz für das Studium der Pathyris-Gemeinschaft sollen solche Verbindungen herausgearbeitet und die Archive kollektiv betrachtet werden.

‘2-mode affiliation network’, das die Beziehungen zwischen den Texten (blau) des Archivs und den in ihnen erscheinenden Personen (rot) zeigt. Netzwerkgrafik vom Autor. Datenquelle: Trismegistos. Software: Gephi 0.9.1 (Bastian, Heymann & Jacomy 2009).

SNA ermöglicht es, Mikro- und Makroebenen miteinander zu verbinden und mühelos im Datensatz herein- und herauszuzoomen, und ist daher besonders gut zur Untersuchung der sozialen Netzwerke in Pathyris geeignet. In Verbindung mit anderen Methoden zum Studium alter Texte und Archive stellt SNA einen formalisierten, leistungsstarken sowie visuellen und analytischen Werkzeugkasten dar, der es erlaubt, die Grundstrukturen des gesellschaftlichen Lebens mit formalisierten Methoden und präzisen Begriffen zu messen und zu beschreiben.

Hauptziele und erwartete Ergebnisse

Das Forschungsprojekt hat einen methodischen und einen historischen Forschungsschwerpunkt. Während der Wert der Netzwerkanalyse für historische Studien zunehmend anerkannt wird, ist ihr Einfluss auf das Feld der Ägyptologie immer noch begrenzt, trotz der hervorragenden Möglichkeiten, die der gute Erhaltungszustand schriftlicher Quellen aus dem alten Ägypten bietet. Methodisch will das Projekt zeigen, inwieweit Aspekte der formalen Netzwerkanalyse gewinnbringend auf altägyptische Texte angewendet werden können.

Auf der sozialgeschichtlichen Ebene werden folgende zwei Hauptfragen behandelt:

(1) Was charakterisiert die strukturelle Zusammensetzung und Netzwerkdichte von Pathyris und wie einflussreich waren zentral positionierte Individuen oder Gruppen innerhalb der Gemeinschaft?

(2) Was motivierte Netzwerkbildung im ptolemäischen Pathyris und was initiiert (oder verhindert) diachrone Kontinuität oder Veränderungen in solchen Netzwerken?

Die Arbeitshypothese ist, dass die Anwendung von analytischen Instrumenten, die in SNA eingebettet sind, eine große Anzahl spezifischer sozialer Beziehungen in einer ’bottom-up-Analyse‘ abbildet und eine anschließende Interpretation der aufkommenden Muster sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen und Konnektivität im ptolemäischen Pathyris ermöglichen wird. Nach der Identifizierung von Individuen oder Gruppen mit strukturell bedeutenden Netzwerkpositionen können Charaktere oder Gruppen von Akteuren in Bezug auf bekannte soziale Kategorien diskutiert werden.

Auf lokaler Ebene sollen damit soziale Netzwerke und interpersonelle Konnektivität als Parameter für persönliches und gruppenbezogenes Handeln aufgezeigt werden, etwa in Bezug auf Integrationsformen wie Reziprozität, Umverteilung und (nichtmarktwirtschaftlichem) Austausch, wie sie von Karl Polanyi (1957) definiert wurden. In einer breiteren Perspektive wird erwartet, dass die Erwägung von Ursache und Wirkung zeitgenössischer politischer Instabilität und staatlicher Initiativen zur Kontrolle des Gebiets zu den größeren Diskussionen über Hellenisierung und kulturelle Komplexität im ptolemäischen Ägypten beitragen wird.

Bezogen auf die akademische Ausrichtung werden Ergebnisse von multidisziplinärer Relevanz erwartet: neben der Ägyptologie und der historischen Netzwerkanalyse stellen Der zeitliche Fokus der ptolemäischen Periode, die umfangreichen griechischen Texte und die bikulturelle Identität der Charaktere der Fallstudie die Relevanz des Projektes sicher, auch für die klassische Archäologie und die Erforschung des Mittelmeerraums in der Antike. Das Projekt leistet über die Anwendung neuer Analysemethoden hinaus einen Beitrag zur Erforschung von Fragen der Ethnizität und der Hellenisierung Ägyptens aus einer lokalen Perspektive.

Das Studium des ptolemäischen Ägypten fällt sowohl in die klassische Archäologie und Philologie als auch in die Ägyptologie, und griechische sowie demotische Texte wurden oftmals von verschiedenen Spezialisten behandelt. Durch die Zusammenführung der Texte in einer kombinierten, interdisziplinären Untersuchung soll ein realistischeres Bild der bilingualen Gemeinschaft von Pathyris entstehen.

Betreuer: Prof. Dr. Bußmann (Cologne), Prof. Dr. Morenz (Bonn), & Prof. Dr. Ryholt (Copenhagen)

 

Literaturverzeichnis

TM Arch Pathyris: http://www.trismegistos.org/arch/pathyris.php

Adler E. N., Tait, J. G., Heichelheim, F. M., Griffith, F. L. (Hrsgg.) 1939, The Adler Papyri, London: Oxford University Press

Bastian, M., Heymann, S. & M. Jacomy 2009, Gephi: an open source software for exploring and manipulating networks, Internationale AAAI-Konferenz zu Weblogs und Social Media: https://gephi.org/publications/gephi-bastian-feb09.pdf

Brughmans, T., Collar, A. & F. Coward 2016, ‘Network Perspectives on the Past: Tackling the Challenges’, in: The Connected Past: Challenges to Network Studies in archaeology and History, Brughmans, T., Collar, A. & F. Coward (Hrsgg.), Oxford: Oxford University Press, S. 3-19

Erickson, B. H. 1997, ‘Social Networks and History: A Review Essay’, in; Historical Methods, Bd. 30, Nr. 3, S. 149-157

Fiore Marochetti, E. 2013, ‚Gebelein‘, in: UCLA Encyclopedia of Egyptology, W. Wendrich et al. (Hrsgg.), Los Angeles: http://digital2.library.ucla.edu/viewItem.do?ark=21198/zz002gx90b

Marsden, P. V. 2005, ‘Recent Developments in Network Measurement’, in: Models and Methods in Social Network Analysis, Carrington et al. (eds.), Structural Analysis in the Social Sciences, Bd. 27, Cambridge: Cambridge University Press, S. 8-30

Polanyi, K. 1957, ’The Economy as Instituted Process’, in: Trade and Market in the Early Empires – Economies in History and Theory, K. Polanyi, C. M. Arensberg & H. W. Pearson (Hrsgg.), Glencoe, Illinois: The Free Press & The Falcon’s Wing Press, S. 243-270

Ruffini, G. R. 2008, Social Networks in Byzantine Egypt, Cambridge: Cambridge University Press

Vandorpe, K. 2011, ‘A Successful, but fragile biculturalism. The Hellenization process in the Upper Egyptian town of Pathyris under Ptolemy VI and VII’, in; Ägypten swischen innerem Zwist und äusserem Druck: Die Zeit Ptolemaios’ VI. Bis VIII. Internationales Symposion Heidelberg 16.- 19.9.2007, Jördens, A. & J. F. Quack (Hrsgg.), Philippika 45, Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S. 292-308

Vandorpe, K. 1994, ‘Museum Archaeology or How to Reconstruct Pathyris Archives’, in; Acta Demotica: Acts of the Fifth International Conference for Demotists, Pisa, 4th – 8th September 1993, Bresciani, E. (Hrsg.), EVO 17, S. 289-300

Vandorpe, K. & S. Waebens 2009, Reconstructing Pathyris‘ Archives. A Multicultural Community in Hellenistic Egypt, Collectanea Hellenistica III, Brussel: Koninklijke Vlaamse Academie van Belgie & l’Union Academique Internationale

Wellman, B. & S. D Berkowitz (Hrsgg.) 1988, Social Structures: a Network Approach, Cambridge: Cambridge University Press