Räume von Verkauf und Handel in der griechischen Polis des 8.–4. Jhs. v. Chr.

→ Axel Miß

Thema und Zielsetzung

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Gegenstand der Dissertation sind die Räume innerhalb der Poleis archaisch-klassischer Zeit, die der Distribution von Waren dienten und somit essenzielle Bestandteile der wirtschaftlichen Abläufe und Infrastruktur darstellen. Eine übergreifende Sammlung und Analyse entsprechender Befunde liegt in der archäologischen Forschung bisher nicht vor. Durch dieses Vorhaben soll erstmalig ein umfassenderes Bild der im Zusammenhang mit Verkauf und Handel stehenden Kontexte erstellt sowie deren Genese und Wandel untersucht werden. Die Arbeit leistet somit einen Beitrag zum besseren Verständnis der antiken Wirtschaft und der Wirtschaftskreisläufe innerhalb der griechischen Stadtstaaten. Der geografische Schwerpunkt der Untersuchungen konzentriert sich dabei auf das griechische Mutterland und die westgriechischen Koloniestädte in Unteritalien und Sizilien.

Vorgehensweise und Fragestellungen

Die Basis der Arbeit bildet das archäologisch gewonnene Material. Für die Untersuchungen sollen dazu die einzelnen urbanen Bereiche hinsichtlich ihrer (architektonischen) Gestaltung analysiert werden. Darüber hinaus werden die siedlungstopografische Verteilung und die funktionalen Verhältnisse der Befunde zueinander untersucht. Als untersuchungsrelevant gelten hierbei die Agorai, Wohnhäuser, Werkstätten, Magazinbauten, Heiligtümer, Hafenanlagen sowie Straßen und sonstige öffentliche Plätze, für die teilweise bereits umfassendere Einzelstudien vorliegen. Parallel zur Analyse der Baubefunde findet auch eine Untersuchung der zugehörigen Fundmaterialien statt. Dass aus den archäologischen Zeugnissen gewonnene Bild wird zusätzlich durch die kritische Reflexion antiker Schriftquellen ergänzt. Der vorläufige Arbeitsablauf lässt sich dabei wie folgt gliedern:

1) In einem ersten Schritt erfolgt die Aufnahme und Funktionsanalyse von Befunden, die bereits als Orte von Handel und Verkauf identifiziert wurden. Dazu zählen beispielsweise die Befunde im Umfeld der Agora von Athen, die „Ladenzeile“ entlang der Agora von Selinunt oder die Häuser in Olynth. Ziel ist es – anhand signifikanter Architekturelemente und der qualitativ-quantitativen Auswertung relevanter Fundgattungen (z. B. Transportamphoren, Münzen, Gewichte) – einen Kriterienkatalog zu erstellen, um Räume mit einer distributiven Wirtschaftsfunktion zu bestimmen. Darauf aufbauend werden andere Siedlungskontexte im Hinblick auf vergleichbare Befundsituationen untersucht, wodurch die Materialbasis erweitert wird. Aufgrund des weiten geografischen und chronologischen Rahmens müssen die herangezogenen Vergleichsbeispiele dabei jedoch exemplarisch erfolgen. Das so zusammengestellte Material wird dann hinsichtlich folgender Fragen analysiert:

  • Wie waren die Räume der Distribution (architektonisch) gestaltet?
  • Wer gestaltete die Räume (öffentlich vs. privat)?
  • Wozu dienten die Räume im Detail?
  • Wie verteilten und organisierten sich die Räume im Stadtbild?

2) Im nächsten Schritt werden die Räume der Distribution dann in Relation zu den in den Siedlungen nachgewiesenen Bereichen der Produktion und Konsumption behandelt und hinsichtlich ihrer infrastrukturellen Anbindung beurteilt. Gleichzeitig müssen die Ergebnisse in die jeweils vorherrschenden sozio-politischen Verhältnisse eingeordnet werden. Daraus ergeben sich folgende übergeordnete Fragen:

  • Welche Faktoren bedingten die siedlungstopografische Lage der Räume?
  • Welche Formen von Handel und Verkauf lassen sich in Bezug auf die Wirtschaft einer Polis definieren?
  • Lassen sich Spezialisierungsprozesse nachweisen?
  • Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen?

3) Die so zusammengetragenen Ergebnisse zu den griechischen Poleis werden abschließend sowohl auf regionaler wie auch überregionaler Ebene (Mutterland vs. westgriechische Städte) miteinander verglichen und letztlich auch in einem interkulturellen Vergleich zu Befunden anderer Kulturen des Mittelmeerraums – in erster Linie phönizisch-punischen – betrachtet. Ein solcher Vergleich wird angestrebt, um die Sichtweisen und Interpretationsansätze sowohl für die griechischen Poleis als auch die antike Mittelmeerwirtschaft insgesamt zu erweitern.

Allgemeine Ziele

Das Dissertationsvorhaben zielt darauf ab, erstmals das Gesamtbild der griechischen Stadtstaaten im Hinblick auf deren Wirtschaft um den Faktor der Distribution zu erweitern. Es geht dabei um die Analyse der Gestaltung städtischer Räume hinsichtlich der Fragestellung, wodurch ein besseres Verständnis der Wirtschaftskreisläufe und Distributionsmechanismen innerhalb der griechischen Poleis gewonnen werden soll. Dadurch wird ein Beitrag zum Charakter der antiken griechischen Wirtschaft insgesamt geleistet. Nicht zuletzt durch den angestrebten Kulturvergleich zur Situation in den phönizisch-punischen Siedlungen wird die Forschungslage um diesen Aspekt innerhalb der antiken Mittelmeerwirtschaft vertieft.

 

Betreuer: Prof. Dr. M. Bentz