Produktions-Prozessketten-Analysen bei der Eisenerzeugung, der Ziegel- und Amphorenherstellung

Anwendung betriebswirtschaftlicher Methoden als Interpretationshilfe zu archäologischen Befunden in Modellen und Beispielen

→ Heinz Sperling

Archäologische Befunde werden in der Regel anhand freigelegter Fundstücke und der am Fundplatz vorgefundenen Situation mittels Materialanalysen, Beschreibungen etc. dokumentiert und interpretiert und so einer zeitlichen und kulturellen Zuordnung zugeführt.

Aussagen zu Abläufen, beispielsweise zu Produktionsfolgen können dabei meist nicht direkt gewonnen werden. Gelegentlich weisen Werkstücke in verschiedenen Bearbeitungsstufen oder Werkplätze für hintereinander ablaufende Tätigkeiten auf solche Aktivitätsverkettungen hin. Die Regel ist dies jedoch nicht.

Gleichwohl treten solche Abläufe verstärkt in den Focus archäologischer Betrachtungen. Kann man doch mit ihrer Hilfe Aussagen zum Wirtschaften an einem Werkplatz oder einem ganzen Produktionsrevier herleiten.

Wenn es beispielsweise gelingt, die Produktionskette für die Erzeugung eines Produktes nachzuempfinden, können damit Berechnungen und Überlegungen zu eingesetzten und produzierten Materialmengen, Anzahl eingesetzter Personen etc. für lokale Befunde angestellt werden.

Besonders vielversprechend hierfür erscheinen Produktionsprozesse, die sich in der Vergangenheit kaum verändert haben und die auch heute noch einfach nachzuvollziehen sind. Ein Fokussieren auf die Produktion von Massengütern – und nicht der von Einzelstücken oder kleinere Spezialarbeiten –  liefert zudem noch den Zugang zu größeren Wirtschaftsvolumina.

Erste konkrete Ergebnisse zu dieser Thematik und Vorgehensweise konnten für die Eisenerzeugung mit Rennöfen in der Magisterarbeit des Antragstellers am archäologischen Institut der Universität zu Köln im Jahre 2013 zusammengetragen werden. Dabei wurde gezeigt, dass – trotz einiger Schätzungen und Annahmen bei der Datengewinnung – plausible Erklärungen zur wirtschaftlichen Situation an Produktionsstätten möglich sind und eine brancheninterne Vertiefung ebenso sinnvoll erscheint wie eine Erstanwendung in anderen Branchen.

Prozessketten und -modelle werden heute in vielen Branchen zur Bewirtschaftung von Betriebsprozessen eingesetzt. Planung, Steuerung, Controlling, Marketing und andere Bereiche moderner Industrieunternehmen nutzen die dort verwendeten Daten. Grundlage zur Erstellung von Prozessketten ist das Beschreiben und Quantifizieren der einzelnen Arbeitsvorgänge eines Produktionsprozesses mit den dabei eingesetzten und erzeugten Mengen sowie die dabei benötigten Personalstunden. Deren anschließende Verknüpfung liefert dann die Prozesskette. Auf diese Art und Weise wird so z. B. das Erzeugen eines Eisenbarrens aus Erz und Holzkohle unter Einsatz eines Verhüttungsofens und dem nachfolgenden Schmieden mit den dazugehörigen Mengen und Zeiten in ein mathematischen Modell überführt, mit dem dann verschiedenartige Betrachtungen möglich sind: wie viele Chargen sind nötig, um die im archäologischen Befund nachgewiesene Menge Schlacke zu erzeugen – wie viele Mannstunden sind dabei eingesetzt worden, etc.

Elemente einer Produktions-Prozesskette

Das Zusammentragen der Basiswerte für die zu den archäologiebezogenen Betrachtungen heranzuziehenden Prozesse ist selbstverständlich auf die noch auszuwählenden Branchen und den darin als wesentlich herauszuarbeitenden Produktionsvorgängen ausgerichtet. Die Gewinnung der benötigten Daten stellt sich als ein besonderes Arbeitsgebiet mit sehr unterschiedlichen Ansätzen dar:  physikalische Größen können einfach aus Tabellenwerken entnommen werden, verfahrenstechnische Werte lassen sich z. T. aus vergleichbaren heutigen Prozessen übertragen, arbeitsorganisatorische Aspekte, wie z. B. die tägliche Arbeitszeit können nur per Schätzung als möglichst plausible Annahmen einfließen.  Es ist dabei u. a. zu prüfen, welche der nachfolgenden Datenquellen – neben Literaturangaben – verwendbare Werte liefern können:

  • Experimentelle Archäologie (als Zeitstudien oder als Transfer aus anderen Branchen)
  • Heute noch in Entwicklungsländern praktizierte Verfahren
  • Befragung von Handwerkern
  • Mittelalterliche, frühneuzeitliche Abrechnungen und Aufzeichnungen

Als Favoriten bei  den Branchen stellten sich hinsichtlich wirtschaftlicher Bedeutung, technologischer Konstanz, Kenntnisgrad und Einheitlichkeit beim eingesetzten Material und bei den  Prozessen in einer ersten groben Vorstudie folgende Bereiche heraus:

  • Die jahrhundertelang praktizierte Erzeugung von Eisen in Rennöfen unter Einsatz von zerkleinertem Eisenerz und Holzkohle über die Zwischenstufe Luppe (Eisen-Schlackengemisch) durch Schmelzen und Schmieden.
  • Das Herstellen von Ziegeln aus Lehm für den Hausbau in einem ebenfalls vermutlich über viele Jahrhunderte gleichen Arbeitsablauf.
  • Die Produktion von Amphoren als „antikes Verpackungsmaterial“ mit sehr langer Produktlaufzeit.

Bei diesen drei Prozessen ist zudem hohe Wirtschaftlichkeit bei der Produktion und eine dadurch bedingte Optimierung zu erwarten. Dies lässt eine höhere Einheitlichkeit – und damit Übertragbarkeit –  der Prozesse über verschiedene Produktionsstätten und -zeiten vermuten.

Die so geschaffenen Modelle zur Produktion werden dann für einzelne Fundorte zur Berechnung von verbrauchten und erzeugten Mengen und für die eingesetzten Personalzeiten verwendet.

Als Ziele werden neben der Prüfung von Aussagen zu wirtschaftlichen Aspekten in vorhandenen Publikationen – mit oftmals sehr groben Abschätzungen – insbesondere

  • neue Ansätze für die Ermittlung  beschäftigter Personen an einem Fundort,
  • mögliche Produktions- und Verbrauchsmengen und dadurch
  • das Skizzieren des lokalen Wirtschaftspotentials sowie ein
  • Vergleich verschiedener Standorte miteinander

angestrebt.

Beispiel einer Ergebnispräsentation

In Summe stellt diese neuartige Vorgehensweise einen Versuch zur interdisziplinären Zusammenfügung von Archäologie, Aspekten der Produktionstechnik und Methoden moderner Arbeitsorganisation zur quantitativen Analyse und Erklärung von Befunden an antiken Produktionsstätten und daraus abgeleiteten Situationen in den zugehörigen Wirtschaftsräumen dar.

 

Dessertationsprojekt
Betreuer: Prof. Dr. Heinzelmann