Modellierung des ökonomischen Potentials der Landwirtschaft im Mittelneolithikum unter besonderer Berücksichtigung des Klimas

→Manuel Broich

 

Einleitung, Forschungsstand und Fragestellung

Das Promotionsprojekt soll einen Beitrag zum Verständnis der ökonomischen Entwicklung während des Neolithikums (5300 – 2200 calBC) im Rheinland leisten. Im Fokus steht hierbei die Modellierung des ökonomischen Potentials des Landwirtschaftssystems im Mittelneolithikum (4900 – 4300 calBC). Die Arbeit befasst sich mit der Rekonstruktion von agrarischen Wirtschaftsflächen, der Verfügbarkeit und dem Einsatz von Arbeitskräften in der Landwirtschaft sowie der Verbindung eines Landwirtschaftssystems mit klimatischen Einflüssen und möglichen Reaktionen und Anpassungen der mittelneolithischen Gesellschaft.

Abb. 1: Das Arbeitsgebiet des Promotionsvorhabens inkl. der Schlüsselregion Aldenhovener Platte (Datengrundlage: OpenStreetMap-Mitwirkende).

Zur Einführung in die Fragestellung sollen zunächst die archäologischen Gegebenheiten vorgestellt werden. Der Beginn der produzierenden Wirtschaftsweise im Rheinland ist mit der Bandkeramik (Altneolithikum: 5300 – 4900 calBC) verbunden. Darauf folgen, nach einer kurzen Besiedlungslücke, die mittelneolithischen Kulturen Großgartach, Rössen und Bischheim. Die in Südwest-Deutschland entstandene archäologische Kultur Großgartach ist im Rheinland nur durch wenige Funde und Befunde vertreten. Ebenfalls selten finden sich Besiedlungsspuren der Bischheimer Kultur im Rheinland. Aus diesen Gründen soll im Promotionsprojekt vornehmlich Rössen untersucht werden. Die archäologische Kultur Rössen steht in der Tradition der Bandkeramik. Vor allem die verzierte Keramik, die Steinartefakte und der Hausbau weisen Ähnlichkeiten mit der Bandkeramik auf (Lüning 1982, 11ff.). Demgegenüber zeigen sich jedoch auch deutliche Unterschiede zur bandkeramischen Wirtschafts- und Lebensform. Diese Veränderungen betreffen v.a. das Landwirtschaftssystem, was sich in einer Ausweitung des Siedlungsgebiets über die Lössböden hinaus und in einem erweiterten Kulturpflanzenspektrum (Zimmermann u.a. 2005, 40) zeigt. Das Siedlungsmuster erfährt ebenfalls Veränderungen: Während der Bandkeramik herrscht im Wesentlichen ein lineares räumliches Verteilungsmuster entlang von Flüssen und Bächen vor. Das Siedlungsmuster zur Zeit von Rössen kann hingegen eher als netzartig beschrieben werden. Damit einher geht ein größerer Abstand zwischen Siedlungen, welche sich nun nicht mehr zwingend entlang von Flussläufen orientieren.

Darüber hinaus verändert sich auch die Struktur der Siedlungen selbst. Diese sind im Gegensatz zur Bandkeramik größer sowie dichter bebaut und werden häufig von Zäunen umgeben. Während bandkeramische Siedlungen vermutlich in Gruppen organisiert waren, ist hingegen für Rössener Siedlungen anzunehmen, dass diese autonome Einheiten mit eigenem Wirtschaftsgebiet bildeten (Richter 1997, 19ff.). Ferner fällt auf, dass sich Rössener Siedlungen möglichst weit entfernt von bandkeramischen Siedlungen befinden, also in jenen Bereichen, die durch das bandkeramische Wirtschaftssystem möglichst wenig Veränderung erfahren haben. Ein weiterer Punkt betrifft die Siedlungsdynamik: Im Gegensatz zu bandkeramischen Siedlungen, die häufig eine hohe Ortskonstanz von bis zu 14 Generationen aufweisen können, werden Rössener Siedlungen bereits nach drei bis vier Generationen verlegt (Zimmermann 2002, 34ff.). Aufgrund der zunehmenden Größe gegenüber bandkeramischen Häusern und der kurzen Nutzungsdauer von Rössener Häusern postulieren Lüning (1982) und Eisenhauer (2002), dass es sich bei den Bewohnern eines Hauses nun nicht mehr um eine Kernfamilie, sondern um eine erweiterte Familie handelt.

Abb. 2: Das Rössener Haus 27 der Fundstelle Inden 1 (verändert nach Dohrn-Ihmig 1983, Abb. 21). Die Gesamtlänge des Hauses beträgt 52,2m.

Aus dem oben gezeichneten Spannungsfeld zwischen Alt- und Mittelneolithikum ergeben sich unter anderem folgende Fragen, die im Rahmen der Promotion behandelt werden sollen: Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen den im archäologischen Fund- und Befundbild feststellbaren Veränderungen und dem Landwirtschaftssystem? Obgleich es im Rheinland vom Alt- zum Mittelneolithikum zu einer Abnahme der Siedlungsanzahl kommt, konnte wiederholt eine Vergrößerung der Rössener Siedlungen gegenüber der Bandkeramik dokumentiert werden. Geht damit eine Abnahme oder aber eine Steigerung der Bevölkerungsdichte einher? Inwieweit vergrößern sich die zu einem Haus oder einer Siedlung gehörenden Wirtschaftsflächen? Verschiebt sich das Verhältnis der genutzten Kulturpflanzen und Nutztiere? Gibt es Veränderungen in den sozialen Strukturen und inwiefern beeinflussen diese die einem Haushalt oder einem wirtschaftlichen Akteur zur Verfügung stehende Arbeitskraft? Zusätzlich ist es geplant mit Hilfe der Dendroklimatologie (stabile Isotopen) der Frage nachzugehen, inwieweit klimatische Faktoren das mittelneolithische Landwirtschaftssystem und dessen Leistungsfähigkeit beeinflussen.

Das Ziel der Arbeit ist es auf der einen Seite, das ökonomische Potential und die Charakteristika des Rössener Landwirtschaftssystems herauszuarbeiten, und auf der anderen Seite in einem diachronen Vergleich Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit dem Landwirtschaftssystem der Bandkeramik zu untersuchen, um so zu einem besseren Verständnis der alt- und mittelneolithischen Subsistenzwirtschaft beizutragen. Zusätzlich machen es die hochauflösenden Ergebnisse der Dendroklimatologie möglich, die Umweltbedingungen zur Zeit des Mittelneolithikums zu rekonstruieren, um so den möglichen Einfluss dieser äußeren Bedingungen auf das Landwirtschaftssystem bzw. Wechselwirkungen zwischen dem Landwirtschaftssystem und natürlichen Faktoren zu bewerten.

Datengrundlage

Als Arbeitsgebiet des Promotionsvorhabens dient das Rheinland (Abb. 1). Einerseits steht hier die archäologisch gut untersuchte Region der Aldenhovener Platte zur Verfügung und andererseits ermöglichen bereits durchgeführte Forschungen in diesem Gebiet einen diachronen Vergleich. Die Datengrundlage bildet eine Revision der mittelneolithischen Fundstellen im Rheinland, insbesondere der erhalten Haus- und Grabbefunde sowie der Befunde mit einer Erhaltung von Pflanzen- und Tierresten (Abb. 2). Darüber hinaus werden Fundorte wie z.B. Gräberfelder aus Nachbarregionen zur externen Validierung herangezogen. Die Grundlage der Klimarekonstruktion bilden die mittelneolithischen Hölzer der Fundstelle Kaster (Schmidt/Gruhle 2003) im Rheinischen Braunkohlenrevier, welche in Kooperation mit dem Labor für Dendroarchäologie der Universität ausgewertet werden sollen.

 

Methodisches Vorgehen

Zur Beantwortung der Forschungsfragen werden vier methodische Teilbereiche betrachtet (Abb. 3):

  • Die Grundlage bildet eine Schätzung der Bevölkerungsdichte bzw. Bevölkerungsanzahl in der gut untersuchten „Schlüsselregion“ der Aldenhovener Platte und eine Interpolation des Ergebnisses auf das gesamte Arbeitsgebiet (vgl. Zimmermann u.a. 2004).
  • Darauf aufbauend wird der Ernährungsbedarf der mittelneolithischen Bevölkerung im Arbeitsgebiet berechnet. Die Grundlage hierfür bilden Befunde mit erhaltenen Pflanzen- oder Tierresten, welche das Verhältnis der genutzten Arten zueinander widerspiegeln (vgl. Hilpert u.a.).
  • Der dritte, methodische Teilbereich nähert sich dem Landwirtschaftssystem über die Berechnung von Arbeitszeiten für landwirtschaftliche Tätigkeiten. Dies geschieht auf Basis der Personalstärke eines Haushaltes und der daraus resultierenden Arbeitskraft in Kombination mit Arbeitszeitdaten („Kölner Tableau“, vgl. Kerig 2007, Kerig 2008).
  • Die Dendroklimatologie bietet die Möglichkeit, den Faktor Klima zu berücksichtigen. Es ist geplant, die Hölzer der Fundstelle Kaster in Hinblick auf die Verhältnisse von stabilen Isotopen (13C/12C, 18O/16O und D/H) zu analysieren, um so zu Erkenntnissen über Temperatur- und Niederschlagsschwankungen zu gelangen (vgl. Cherubini u.a. 2004, Frank/Helle 2015, Helle/Heinrich 2012, Treydte u.a. 2004).

    Abb. 3: Struktur und methodische Teilbereiche des Promotionsvorhabens.

 

Fazit

Durch die Kombination verschiedener methodischer Ansätze bietet das Promotionsprojekt die Möglichkeit, das mittelneolithische Subsistenzsystem und dessen Leistungsfähigkeit aus verschiedenen Blickwickeln zu beleuchten. Somit kann eine Modellierung des ökonomischen Potentials der Landwirtschaft durchgeführt werden, die Rücksicht auf zahlreiche kulturelle und naturräumliche Faktoren und deren Wechselwirkungen nimmt. Zusätzlich ermöglichen es diachrone und regionale Vergleiche, Charakteristika der einzelnen Landwirtschaftssysteme herauszuarbeiten. Die Arbeit trägt demnach zu einem besseren Verständnis der produzierenden Wirtschaftsweise bei, die seit der Neolithischen Revolution bis in die Gegenwart hinein die Grundlage der meisten Gesellschaften bildet.

 

 

Literatur

  • P. Cherubini/H. Gärtner/J. Esper u.a., Jahrringe als Archive für interdisziplinäre Umweltforschung. Schweiz. Z. Forst. 155, 6, 2004, 162-168.
  • M. Dohrn-Ihmig, Neolithische Siedlungen der Rössener Kultur in der Niederrheinischen Bucht, AVA-Materialien 21(München 1983)
  • U. Eisenhauer, Untersuchungen zur Siedlungs- und Kulturgeschichte des Mittelneolithikums in der Wetterau. Universitätsforsch. prähist. Arch. 89 (Bonn 2002).
  • T. Frank/G. Helle, Dendroklimatologie – Die einzige Methode zur Gewinnung jahrgenauer Klimadaten. In: T. Otten/J. Kunow/M. M. Rind u.a. (Hrsg.), REVOLUTION jungSTEINZEIT. Archäologische Landesausstellung Nordrhein-Westphalen. Band 1: Revolution Jungsteinzeit. Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westphalen 11, 1 (Darmstadt 2015), 121.
  • G. Helle/I. Heinrich, Baumjahresringe als chemisch-physikalischer Datenträger für Umwelt- und Klimainformationen der Vergangenheit. System Erde 2, 1, 2012, 58-61.
  • J. Hilpert/K. P. Wendt/A. Zimmermann, Landschaftsarchäologie IV. Unveröffentlichtes Manuskript.
  • T. Kerig, Als Adam grub… Vergleichende Anmerkungen zu landwirtschaftlichen Betriebsgrößen in prähistorischer Zeit. Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 48, 2007 (2008) 375-402.
  • T. Kerig, Towards an Econometrically Informed Archaeology: The Cologne Tableau (KöTa). In: A. Posluschny/K. Lambers/I. Herzog (Hrsg.), Layers of Perception. Proceedings of the 35th International Conference on Computer Applications and Quantitative Methods in Archaeology (CAA) Berlin, Germany, April 2-6, 2007. Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte 10, (Bonn 2008), ohne Seitenzahlen.
  • J. Lüning, Siedlung und Siedlungslandschaft in Bandkeramischer und Rössener Zeit. Offa 39, 1982, 9-33.
  • J.Richter, Neolithikum. Geschichtlicher Atlas der Rheinlande Beiheft II/2.1 – II/2.2 (Köln 1997).
  • B. Schmidt/ W. Gruhle, Wuchshomogenität als ein neues Analyseverfahren zur Verbesserung der dendrochronologischen Datierungsmethode. Die Hölzer der neolithischen Brunnen von Erkelenz-Kückhoven, Zwenkau und Mohelnice sowie vom Fundplatz Kaster. In: J. Eckert/U. Eisenhauer/ A. Zimmermann (Hrsg.): Archäologische Perspektiven; Analysen und Interpretationen im Wandel. Festschrift für Jens Lüning zum 65. Geburtstag. Internationale Archäologie – Studia honorica 20, (Rahden/Westf. 2003), 49-60.
  • A. Treydte/J. Esper/H. Gärtner, Stabile Isotope in der Dendroklimatologie. Schweiz. Z. Forst. 155, 6, 2004, 222-232.
  • A. Zimmermann, Landschaftsarchäologie I: Die Bandkeramik auf der Aldenhovener Platte. Ber. RGK 83, 2002 (2003), 17-38.
  • A. Zimmermann/J. Richter/T. Frank/K. P. Wendt, Landschaftsarchäologie II – Überlegungen zu Prinzipien einer Landschaftsarchäologie. Ber. RGK 85, 2004, 37-95.
  • A. Zimmermann/J. Meurers-Balke/A. J. Kalis, Das Neolithikum in Rheinland. Bonner Jahrbücher 205, 2005, 1-63.

Betreuerin: Prof. Dr. Silviane Scharl, Prof. Dr. Jan Bemman