Haus und Familie im Hellenismus

→Ulf-Henning Willée

Die griechische Familiengeschichte stand lange Zeit im Schatten der römischen und insbesondere die Epoche des Hellenismus fand lange Zeit weniger Beachtung. An diesem Punkt soll dieses Promotionsprojekt ansetzen und den oikos in Griechenland, der Ägäis und Kleinasien unter wirtschaftlichen und sozialhistorischen Gesichtspunkten untersuchen.

Dieser war eine wichtige die Grundlage der griechischen Polis, denn er war nicht nur ein Ort der sozialen Organisation, sondern auch von ökonomischer Bedeutung für die Produktion und Konsumption. Die eheliche Gemeinschaft von Mann und Frau wurde als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft verstanden, für die legitimer Nachwuchs von äußerster Wichtigkeit war, da dieser den Fortbestand des Haushaltes einerseits und die Versorgung der Eltern im Alter andererseits sicherstellte. Durch soziale und ökonomische Fragestellungen werden die Grundlagen des oikos untersucht und Themenkomplexe, wie beispielsweise Familienstrukturen, Kindheit, Alter und Ehegemeinschaft analysieren. Eng damit verbunden sind die Fragen nach der Stellung der Frau, der Besitzweitergabe, der Stellung der Alten sowie der Sklaven im Haushalt. Zwar war vor allem die Landwirtschaft wirtschaftliche Grundlage des Haushaltes, aber auch Handel und Handwerk konnten zu dazu beitragen. Daher soll der Fokus nicht nur auf den Besitzverhältnissen liegen, sondern auch auf den unterschiedlichen Betriebs- und Arbeitsformen.

Die Materialgrundlage bilden vor allem literarische und epigraphische Quellen, wobei der primäre Fokus bei den zahlreichen literarischen Quellen liegen soll. Diese sind unter anderem die Fragmente der späten Komödie, Menander, Theokrit, Theophrast und Hero(n)das. Gerade Menander hat den Vorzug, dass seine Werke erst durch Papyrusfunde des 20. Jhdt. entdeckt wurden. Dabei bietet gerade seine Schaffensphase an der Epochengrenze zwischen Klassik und Hellenismus große Möglichkeiten für die Analyse und ist in besonderem Maße dazu geeignet, Auskunft über Kontinuitäten und Diskontinuitäten von familiären Strukturen zu geben. Eine sehr ergiebige Quellengattung sind die Inschriften, von denen vor allem aus dem kleinasiatischen Raum zahlreiche überliefert sind, die bis jetzt jedoch noch nicht einer systematischen Prüfung unterzogen wurden, obwohl diese mit den „Inschriften griechischer Städte aus Kleinasien“ umfassend publiziert sind.

Die aus den verschiedensten Genres und Gattungen stammenden Quellen werden einer kritischen Analyse unterzogen und einander gegenübergestellt, um so Aussagen über den Haushalt als Wirtschaftseinheit treffen zu können und zu untersuchen, welche Bedeutung dies für das soziale Gefüge innerhalb des oikos hat. Die Ergebnisse sollen auf wissenschaftliche Ansätze aus der Soziologie und der Wirtschaftswissenschaft, wie beispielsweise die Wirtschaftssoziologie, die Neue Institutionenökonomik oder die Überlegungen Bourdieus zu den Kapitalsorten, angewendet werden.

Da der Haushalt eine wichtige Grundlage der hellenistischen Gesellschaften und Wirtschaften war, ist eine Untersuchung des ökonomischen und sozialen Gefüges eine wichtige Etappe, um zukünftig beispielsweise das Wirtschaften und die Gesellschaften hellenistischer Poleis besser zu verstehen. Das Projekt bietet weiterhin Anknüpfungspunkte zur Archäologie hellenistischer Siedlungen und kann dort helfen Zusammenhänge besser zu verstehen, wo eine reine Analyse archäologischer Zeugnisse nicht ausreicht. Allgemein ist der Vergleich zu solchen Epochen und Kulturen gegeben, wo das Haus ein Träger von Wirtschaft ist.

Betreuer: Prof. Dr. Winfried Schmitz, Prof. Dr. Walter Ameling