Gabe – Markt – Redistribution. Austauschmechanismen prähistorischer Gesellschaften am Beispiel von Spondylusartefakten zwischen 5500 und 5000 v. Chr.

→ Arne Windler

Austausch und Handel stellten wichtige Bestandteile des prähistorischen Wirtschafts- und Soziallebens dar, wie beispielsweise die Jadeitbeile des Neolithikums, der Zinnhandel während der Bronzezeit oder die mediterranen Importe der Eisenzeit eindrucksvoll belegen.

Bei der Analyse prähistorischer Austauschnetzwerke sind zwei ethnologische Modelle von zentraler Bedeutung: Zum einen die Unterteilung Karl Polanyis (1957; 1978) in Reziprozität, die auch als Gabentausch verstanden wird, Redistribution und Marktaustausch und zum anderen die Differenzierung in generalisierte, ausgeglichene und negative Reziprozität durch Marshall Sahlins (1972). Vor allem bei der Übernahme von Polanyis Klassifikation in die archäologische Forschung zeigen sich oftmals evolutionistische Tendenzen: Während es sich im Neolithikum noch um einen Gabentausch gehandelt haben soll, wird für die Metallzeiten ein entwickelter Markt angenommen. Allerdings sind diese nur zwei von vielen möglichen theoretischen Austauschkonzepten. Aus diesem Grund sollen in der Arbeit die verschiedenen soziologischen und ethnologischen Modelle differenziert betrachtet und deren bisherige Anwendung in Bezug auf prähistorische Gesellschaften analysiert werden.

Die Übertragungsmöglichkeiten der Modelle werden am Beispiel des europäischen Spondylusaustausches während der zweiten Hälfte des 6. Jahrtausends v. Chr. evaluiert.

Ab ca. 6000 v. Chr. wurde die aus dem Mittelmeer stammende Muschel vor allem in Südosteuropa genutzt und gelangte zum Teil auch schon in dieser Zeit in das Landesinnere. Zwischen 5500 und 5000 v. Chr., zeitgleich mit der Neolithisierung Europas, reichte die Verbreitung von der Ägäis bis in den Harz und vom Pariser Becken bis in die Ukraine. Dabei bildeten sich lokale Praktiken in der Handhabung der Muschel heraus: So finden sich Spondylusartefakte in Mitteldeutschland ausschließlich bei weiblichen Individuen, in Bayern, Frankreich, Böhmen und Mähren hingegen ist der Muschelschmuck sowohl in Frauen- als auch Männergräbern zu beobachten. Mit dem Verschwinden der Linearbandkeramik um ca. 4900 v. Chr. zog sich die Verbreitung von Spondylus zurück nach Südosteuropa. Ab 4000 v. Chr. wurde Spondylus kaum noch verwendet und die Nutzung beschränkte sich auf die ägäische Küste.

Ziel der Arbeit ist es, zum einen die chronologische und chorologische Verteilung der Spondylusartefakte zu untersuchen und zum anderen die sozialen wie ökonomischen Austauschmechanismen zu analysieren.

 

Bild links: Spondylusarmringe aus dem Gräberfeld von Varna (ca. 4500 v. Chr.).

Bild rechts: Verbreitung von Spondylus vom Paläolithikum bis zur Eisenzeit.

 

Dissertationsprojekt
Betreuer: Prof. Dr. Thomas Stöllner (Universität Bochum) und Priv.-Doz. Dr. Oliver Nakoinz (Universität Kiel), Prof. Dr. Tobias Kienlin (Universität Köln)