Frauenschmuck im Wandel – der Einsatz von Granat im Rheinland im 6. und 7. Jahrhundert n. Chr.

→ Judith Jordan

Die Anfänge des Promotionsvorhabens liegen in dem internationalen Projekt „Weltweites Zellwerk“, welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Förderrichtlinie „Sprache der Objekte“ vom Januar 2014 bis zum Dezember 2016 gefördert wurde (http://web.rgzm.de/forschung/forschungsfelder/a/article/weltweites-zellwerk.html).

 

Ziel dieses BMBF-Projektes war die nähere Betrachtung der Rolle des Schmucksteines Granat im ersten nachchristlichen Jahrtausend. Hierbei wurden archäologische und schriftliche Quellen herangezogen und ausgewertet sowie mit Hilfe naturwissenschaftlicher Analysen zerstörungsfreie Einblicke in die verwendeten Materialien ermöglicht. Neben dem Edelstein Granat umfasste dies Metalle, Glas und Organik. Die europaweit verteilten Untersuchungsobjekte umfassten unterschiedliche Arten von Fibeln, Gürtelgarnituren, Schwertperlen, Ohr- und Fingerringe, Waffen sowie Reliquien aus Spanien, Ungarn, Großbritannien, Schweden und Deutschland.

Folgende Fragen stellten sich zum Projektbeginn:

  •  Auf welchen Wegen und in welcher Form (Rohmaterial, Halbfabrikat) kam der Granat nach Mitteleuropa?
  • Welche Lagerstätten wurden zu welcher Zeit und in welchen Regionen genutzt?
  • Wie ist die Reduzierung der Granatdekore im Rheinland an der Wende vom 6. zum 7. Jahrhundert n. Chr. zu erklären, während er in den nördlichen Regionen Europas völlig neue Dimensionen erfährt?

 

Das am Bonner LVR-LandesMuseum angesiedelte Teil-Projekt „Almandincloisonné im Rheinland: Interdisziplinäre Studien zu Handel, Werkstätten, Symbolik und Nutzern“ stand unter der Leitung von Frau Dr. Nieveler und Herrn Prof. Dr. Schmauder und gliederte sich in zwei Untersuchungsschwerpunkte. Neben den Funden des 6. Jahrhunderts, die von E. Nieveler bearbeitet werden, beschäftigt sich das Promotionsvorhaben mit den Filigran- und Goldscheibenfibeln des späten 6. und 7. Jahrhunderts. Hierbei dient das Rheinland als Modellregion für Handel, Nutzung und Verbreitung des Granats in einem zeitlichen Vergleich von über 200 Jahren. Der Verbreitungsschwerpunkt der Gold- und Filigranscheibenfibeln liegt neben dem Rheinland, in den westlich anschließenden Gebieten der heutigen Länder Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich bis an die Flüsse Seine und Yonne. Nach Süden treten die Fibeln entlang des Rheins bis in die Schweiz und den angrenzenden französischen Raum im Westen auf. Im Osten finden sich Stücke bis in das Altmühltal im nördlichen Donauraum. Beide untersuchten Fibelformen gehören zum weiblichen Schmuckrepertoire. Eine repräsentative Fundauswahl für beide Bonner Teil-Projekte wurde nach folgenden Kriterien getroffen: Datierung, regionale Zuordnung, Funktion der zugehörigen Siedlung, Material, soziale Stellung der Bestatteten, Fundtyp und Zustand des Fundstücks. Die Fragen zur Herkunft und Bedeutung von granatverzierten Funden aus dem Rheinland beschäftigt die Forschung bereits einige Jahrzehnte. Insbesondere zu der Gruppe der Filigran- und Goldscheibenfibeln sind die Arbeiten folgender Autoren zu nennen: H. Rupp 1937, F. Rademacher 1940, B. Thieme 1978, B. Arrhenius 1985 und zuletzt G. Graenert in ihrer 2007 publizierten Dissertation. Im Rheinland ist ein deutlicher Höhepunkt der Granatverzierung im Cloisonnéstil im zweiten Drittel des 6. Jahrhunderts feststellbar. Bereits in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts nehmen Zahl wie Bearbeitungsqualität der Steine jedoch deutlich ab. An diesem Punkt setzt das Dissertationsprojekt an. Warum ist dies der Fall? Haben wir es mit Störungen in den Handelswegen zu tun? Welche geologischen Herkunftsanzeiger enthalten die Granate in den Fibeln – stammen sie aus Indien/ Sri Lanka oder eher aus dem böhmischen Raum? Sind es sekundär verarbeitete Steine oder haben wir Ersatzmaterialien vor uns? Bislang wurde vermutet, dass die Reduzierung der Granateinlagen im 7. Jahrhundert auf einem Zusammenbruch der Granathandelswege aus Indien und Sri Lanka beruht. Andererseits könnte sich die viel größere Farbigkeit der Fibeln des 7. Jahrhunderts, die neben dem roten Granat, blaues, grünes und farbloses Glas vereint, sowie andere Edelsteine (z.B. Amethyst und Karneol) und organische Stoffe, auch auf eine Modeänderung zurückführen lassen. Die einzelnen Fibeln wurden im Zeitraum vom Juli 2014 bis Juni 2016 zur Erfassung goldschmiedetechnischer Merkmale begutachtet, fotografiert und durch digitale Röntgenaufnahmen dokumentiert. Digitale Mikroskopaufnahmen ermöglichten gezielte Einblicke in den Aufbau und die Konstruktionsweise der Stücke, die mit bloßem Auge zum Teil nicht erkennbar waren. Aus der Beobachtung und Untersuchung aller Stücke wurde ein Merkmalskatalog entwickelt, der als Grundlage für die Beurteilung, Dokumentation und Klassifizierung der Einlagen, ihrer Bearbeitung sowie der Qualität der Goldschmiedearbeit dient. Neue Erkenntnisse werden durch die Analysen der Füllmassen erwartet, die der Goldschmied zum Stabilisieren der Metalllagen verwendete. Aufgrund der fehlenden zeitgenössischen Schrift- und Bildquellen im Rheinland ermöglicht allein die Arbeit mit den Objekten eine Annäherung an das handwerkliche Geschick und Können dieser Zeit. Im Vergleich der Objekte zueinander werden Charakteristika herausgearbeitet, die Werkstätten und spezifische Herstellungsprozesse anzeigen können. Ergänzende Themenkomplexe bilden die Fragen zur Gestaltung und Motivwahl der Schauseiten, die soziale Komponente und Verteilung der Fibeln im Rheinland sowie die Ausblicke in die nachfolgenden Jahrzehnte.

Literaturauswahl

  • Arrhenius 1985
    B. Arrhenius, Merovingian garnet jewellery, emergence and social implications (Stockholm 1985).
  • Brepohl 1995
    E. Brepohl, Theorie und Praxis des Goldschmieds (Leipzig 1995).
  • Graenert 2007
    G. Graenert, Merowingerzeitliche Filigranscheibenfibeln westlich des Rheins. Europe médiévale 7 (Montagnac 2007).
  • Rademacher 1940
    F. Rademacher, Fränkische Goldscheibenfibeln aus dem Rheinischen Landesmuseum in Bonn (München 1940).
  • Rupp 1937
    H. Rupp, Die Herkunft der Zelleneinlage und die Almandin-Scheibenfibeln im Rheinland. Bd. 2. Diss. Köln (Bonn 1937).
  • Thieme 1978
    B. Thieme, Filigranscheibenfibeln der Merowingerzeit aus Deutschland. Ber. RGK 59, 1978, 381–500.

 

Dissertationsprojekt
Betreuer: Prof. Dr. Jan Bemmann und Prof. Dr. Michael Schmauder