Forschungen zur Wirtschaftsarchäologie im Nildelta anhand der Keramik vom 1. Jahrtausend v. Chr. bis zum 4. Jh. n. Chr. aus Bubastis / Tell Basta

→Rabea Reimann

Während die wissenschaftliche Erforschung der ägyptischen Keramik der pharaonischen Zeit bis zum Ende des Neuen Reiches (um 1070 v. Chr.) vor allem in den letzten vier Jahrzehnten großen Aufschwung genommen hat, stellt der Zeitraum von der dritten Zwischenzeit und der Spätzeit, über die griechisch-römische Epoche bis in koptische und frühislamische Zeit, also zwischen dem 10. Jh. v. Chr. und dem 8. Jh. n. Chr. noch immer ein Desiderat dar. Besonders gilt dies für das Nildelta. Die  geplante Forschungsarbeit zielt darauf ab, diese Forschungslücke weiter zu schließen. Ausgangspunkt hierfür ist die in Tell Basta gefundene Gefäßkeramik  aus Areal A, dem Eingangsbereich des großen Tempels der Bastet und der daran angrenzenden Stadtsiedlung von Bubastis aus griechisch-römischer Zeit. Seit 2008 steht dieser Bereich im Mittelpunkt des Tell Basta-Project, einer deutsch-ägyptischen Joint-Mission, unter der Leitung von Dr. Eva Lange (Universität Würzburg).

 

Die altägyptische Stadt Per-Baset  (pr-b3s.t oder  auch nur Baset b3s.t), Hauptkultort der katzengestaltigen Göttin Bastet, ist im südöstlichen Nildelta gelegen (vgl. Abbildung 1). Ihre Überreste liegen am südöstlichen Rand der modernen Stadt Zagazig, Hauptstadt der Provinz Sharkiya. Das Gelände wird im Arabischen als „Tell Basta“ bezeichnet, wobei das arabische Wort „tell“ einen Ruinenhügel meint und „Basta“ Bezug nimmt auf die Göttin Bastet. In der Ägyptologie ist auch der Name Bubastis gebräuchlich, welcher auf die gräzisierte Form des ägyptischen Stadtnamens pr-b3s.t zurückgeht.

Neben Buto und Abydos gehört Bubastis zu den frühesten schriftlich belegten und identifizierten Siedlungen Ägyptens, die schon früh eine wichtige Rolle im bereits zu vordynastischer Zeit existierenden Handelssystem spielten. Entscheidend dafür war sicher die günstige Lage der Stadt am Pelusischen und Tanitischen Nilarm, sowie die Nähe zum Wadi Tumilat, von wo aus die Handelswege nach Syrien und Palästina und die Expeditionsrouten in den Sinai zur Kupfer- und Türkisgewinnung begannen. Monumente aus dem Alten, Mittleren und Neuen Reich (Ka-Tempel Pepi I., Gouverneurspalast, Nekropole und Tempel) zeigen, dass Bubastis sicher schon seit dem Alten Reich eine Distriktmetropole war (vgl. Übersichtsplan von Tell Basta in Abbildung 2).

Nach den erfolgreichen Kämpfen Ramses III. gegen die „Seevölker“ ließ er libysche Söldner aus seinem Heer im Delta ansiedeln – insbesondere in der bubastitischen Region. Aus ihnen entstand bald eine lokale Elite, aus dessen Reihen auch der Begründer der 22. Dynastie, Scheschonk I. (945-924 v. Chr.), stammte. Unter den Königen dieser Dynastie erlangte Bubastis schließlich auch große politische Bedeutung. Nach Manetho, einem Geschichtsschreiber der Ptolemäerzeit, machten die Könige dieser Dynastie die Stadt zur königlichen Residenz und er nennt sie nach ihrer Herkunft die „Bubastiden“. Die Nachfolger Scheschonks, Osorkon I. (924-889 v. Chr.) und Osorkon II. (874-850 v. Chr.), bauten den Tempel der Stadtgöttin umfangreich aus und machten Bubastis zu einem der wichtigsten Kultorte des Landes. Dies blieb er bis in die Spätzeit (26.-30. Dynastie), was den Beschreibungen Herodots zu entnehmen ist, der im 5. Jh. v. Chr. die Stadt besuchte. Er berichtet, dass Bubastis für seinen großen Tempel und das alljährlich stattfindende Fest zu Ehren der Bastet weithin berühmt war. Das 2004 im Eingangshof des Tempels gefundene Kanopus-Dekret aus der Zeit Ptolemaios III. Euergetes bezeugt, dass Bubastis auch in der Ptolemäerzeit noch zu den wichtigsten Heiligtümern des Landes gehörte.

 

Die Grabungen des Tell Basta-Project im Areal A (vgl. Abbildung 3), direkt östlich des Eingangshofes des Tempels, haben neben einem mit Kalksteinplatten gepflasterten Vorplatz umfangreiche Hausbebauung zu Tage gebracht, die vom Ende der Spätzeit  bis in die Ptolemäerzeit datieren. Bei den ausgegrabenen Häusern handelt es sich vermutlich um Wohnhäuser hohen Standards (Funde von Mosaikfußböden, Wandverputz und -bemalungen, importierte Vorratsgefäße), die teils auch als Nebengebäude des Tempels fungierten (Priesterwohnungen, Archive?, Workshops). Der Fund einer elaborierten Wasserleitung direkt an der südlichen Seite des Vorplatzes und die Existenz von Fußböden aus gebrannten und verputzten Lehmziegeln lassen vermuten, dass sich in ptolemäischer Zeit hier möglicherweise auch Waschanlagen für Tempelbesucher befunden haben. Gerade das Fest der Bastet, eines der großen überregionalen Kultfeste des spätzeitlichen und ptolemäischen Ägypten, könnte solche Installationen erforderlich gemacht haben.

 

Das Keramikmaterial: Methoden und Fragestellungen

 

  • Für die Untersuchung werden die Keramikfunde aufgrund von Tonuntersuchungen, sowie hinsichtlich der Form und Funktion der Gefäße klassifiziert und statistisch erfasst. Die Gesamtheit des Materials wird zunächst zeigen, ob es eventuell Leitformen gab, bzw. lokale Imitationen importierter Gefäße.

 

  • Mithilfe des Formenrepertoires lassen sich Aussagen über die zeitliche und eventuell auch die funktionale Nutzung des Areals insgesamt sowie spezifischer Kontexte treffen. Hierbei könnte versuchsweise auch der Frage nachgegangen werden, inwieweit das Tempelvorareal als Wohnquartier genutzt worden sein könnte – und zwar nicht nur für die dort ansässigen Priester, sondern auch für die bürgerliche Elite der Stadt.

 

  • Die (in- und ausländischen) Importwaren zeigen außerdem ob und in welchem Umfang Handel getrieben wurde. Berücksichtig werden hierbei sowohl Importe, die Amphoren als „Verpackungsmaterial“ bedurften (Wein, Öl), als auch Keramik, die um ihrer selbst wegen verhandelt worden ist.

 

  • Da Bubastis ein großer Ort war, ist von einer lokalen Keramikproduktion auszugehen. Eventuell lässt sich eine übergreifende Verbreitung der hier gefertigten Produkte erkennen, was Vergleiche mit anderen zeitgleichen Siedlungen im ägyptischen Delta (z. Bsp. Schedia, Buto und Sais) aufzeigen sollen. Außerdem können hierdurch regionale Unterschiede im Fundspektrum aufgezeigt werden und Aussagen über das Im- und Exportverhalten getroffen werden.

 

  • Jenseits der makroskopischen Untersuchungen der Keramik sind bereits geochemische Analysen an einer Auswahl von Scherben vorgenommen worden. Diese wurden im Rahmen des an der Universität zu Köln angesiedelten Projektes CeramEgypt durchgeführt. Dessen Datenbestand kann auch für einen Abgleich von Informationen anderer Produktionsorte im Delta genutzt werden. Ferner wird versucht von Teilen der bislang nur chemisch analysierten Proben Dünnschliffanalysen anfertigen zu lassen. Diese Methode hilft dabei, mineralogische Besonderheiten des Fundmaterials von Bubastis nachweisen zu können. Ziele der geochemischen und mineralogischen Untersuchungen insgesamt wäre es, die Produktionsabläufe sowie eventuelle lokalspezifische Entscheidungsprozesse bezüglich der Wahl und Aufbereitung des Rohstoffes „Ton“ nachvollziehbar zu machen.

 

  • Ein wichtiger Nebenaspekt ist natürlich die Frage nach der Datierung und der formalen und chronologischen Entwicklung der Keramik und eines daraus resultierenden Typenkatalogs. Da es für die Koch- und Gebrauchskeramik in Ägypten noch keine allgemein gültige Typologie gibt, ist – unter Berücksichtigung des Formenrepertoires der Vergleichsorte – geplant, eine solche erstmals für das Nildelta zu erstellen.

 

 

[Abbildung 1: Verortung von Bubastis, Sais, Buto und Schedia (süd-östlich von Alexandria)]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[Abbildung 2: Übersicht Tell Basta]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


[Abbildung 3: Lageplan von Areal A]

Dissertationsprojekt
Betreuer: Prof. Dr. Michael Heinzelmann