Festungsgemeinschaften des 3. Jts. v. u. Z.: Eine sozioökonomische Analyse frühbronzezeitlicher Stadtbefestigungen in Nordmesopotamien

→ Tobias B. H. Helms 

 

Die Entwicklung befestigter Großsiedlungen ist ein kennzeichnendes Element der “zweiten urbanen Revolution” in Syro-Mesopotamien während der frühen Bronzezeit (Akkermans – Schwartz 2005). Aufwendige, in erster Linie aus ungebrannten Lehmziegeln errichtete Befestigungswerke sind an vielen Fundorten der Region archäologisch untersucht worden (Abb. 1-2). Diese Anlagen verweisen auf Auseinandersetzungen zwischen den im 3. Jt. v. u. Z. entstehenden Stadtstaaten und unterstreichen die Rolle bewaffneter Konflikte in einer durch die Ausweitung der urbanen Lebensweise und die Herausbildung frühstaatlicher Organisationsformen geprägten Phase der Frühgeschichte (Cooper 2006). Zugleich bezeugen die Lehmziegelmassive der frühen Stadtmauern eine enorme Konzentration von Ressourcen und Arbeitskräften (Peltenburg 2010). Diese bauökonomischen Aspekte des bronzezeitlichen Befestigungsbaus bilden den Kern meines Forschungsvorhabens: Ausgehend von teilweise noch unpublizierten Daten, die im Zuge der archäologischen Erforschung in Tell Chuera (Meyer 2010; Helms – Tamm im Druck), einer ca. 70 Hektar großen frühurbanen Siedlung im Gebiet der westlichen Jezirah (Nordostsyrien) und Tell Halawa A (Orthmann 1989), einer ca. 16 Hektar großen Stadtanlage am mittleren syrischen Euphrat (Nordsyrien), erhoben wurden, wird eine detaillierte sequentielle Analyse der Festungsanlagen erfolgen. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht dabei die Frage nach der Organisation und Praxis des Bauprozesses; v. a. im Hinblick auf die Mobilisierung von Arbeitskraft und a) vor dem Hintergrund der historisch spezifischen Potentiale und Einschränkungen des technologischen Systems (z. B. Innovationen im Bereich der Bautechnik und Poliorketik; vgl. Burke 2008; Rey 2012) sowie der b) agropastoralen Produktionsregimes der frühbronzezeitlichen Siedlungsgemeinschaften (vgl. Wilkinson 1994). Zu Fragen ist, ob die archäologischen Daten eher dafür sprechen, dass die Befestigung von Städten durch die zentralen Institutionen der damaligen Gemeinwesen veranlasst wurden oder ob sich auch Hinweise darauf finden, dass gemeinschaftliche  Entscheidungsprozesse, dezentralere bzw. heterarchische Organisationsformen bei der Errichtung der Befestigungsanlagen zum Trage kamen. Daten einiger frühbronzezeitlicher Fundorte, etwa aus Kharab Sayyar (Hempelmann 2008; 2013), Selenkahiye (Cooper 2006) und  Tell Chuera (Helms in Vorbereitung) deuten möglicherweise in diese Richtung, bedürfen jedoch einer weitergehenden Analyse. Ein zweiter Forschungsschwerpunkt meines Projektes ist die Frage nach der Integration der Stadtmauern in die alltäglichen ökonomischen Aktivitäten der frühen Städte, insbesondere in Bezug auf die a) häusliche Produktion und spezialisierte Güterproduktion im Bereich von Stadtmauern, b) Praktiken der Müllentsorgung – ein drängendes Problem früher Städte (vgl. McMahon 2009) – sowie c) die soziale und räumliche Struktur des Stadtbildes.

 

Bild links: Lehmziegelbastion und Stadtmauer der frühbronzezeitlichen Siedlung Tell Chuera/Syrien (Frühbronzezeit IVA, ca. 2400 v. Chr.)
Bild rechts: Befestigungswall und Glacis der äußeren Stadtbefestigung von Tell Chuera (Frühbronzezeit IVA, ca. 2400 v. Chr.)