Economic Structures and Processes in Early Bronze Age City-States. A Household-Centered Perspective.

→ Henrike Backhaus

Thema

Die Dissertation untersucht die (soziale Dimension der) Organisation wirtschaftlicher Vorgänge in häuslichen Kontexten und Wohnvierteln in Nordmesopotamien während des dritten vorchristlichen Jahrtausends. In diesem Zeitraum (Frühbronzezeit) vollzog sich in der Region ein umfassender Urbanisierungsprozess: Menschen siedelten vermehrt in Großsiedlungen, die zu den frühsten Städten der Menschheitsgeschichte gezählt werden können. Viele dieser größeren Siedlungen entwickelten sich zu (halb)autonomen Stadtstaaten. Ein Charakteristikum dieser politischen Zentren ist die ausgeprägte vertikale und horizontale Stratifizierung der Gesellschaft. Insbesondere die Synchronität von Wohnvierteln mit Palästen und Tempeln deutet darauf hin, dass für diese Siedlungen eine soziale Differenzierung in eine herrschenden „Elite“ einerseits und in Stadtbürger andererseits anzunehmen ist. In meiner Dissertation untersuche ich Strukturen und Prozesse innerhalb der häuslichen Wirtschaft der Wohneinheiten. Damit kann meine Arbeit, abgesehen von ihren wirtschaftsarchäologischen Leitfragen auch als ein Beitrag zur Haushalts-Archäologie angesehen werden.

Wissenschaftliche Fragestellung

Die Erforschung der Wirtschaft der Stadtstaaten aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend konzentrierte sich lange und intensiv auf die Erforschung der „Eliten“. Dies liegt hauptsächlich an zwei Gründen: Erstens versprachen die (großen) elitären Gebäude wie Tempel und Palast die „schönsten“ und „wertvollsten“ Funde zu beinhalten, welche in Europa die Museen füllen sollten. Zweitens wurden in archäologischen Ausgrabungen zahlreiche Tontafel-Archive freigelegt. Die Texte bezeugen zahlreiche Vorgänge der staatlichen Wirtschaft (z.B. die Ausgabe von Textilrationen an Arbeitskräfte etc.) und konnten damit viel zum Verständnis der Organisation der Stadtstaaten beitragen. Allerdings beleuchten diese Texte nur einen Ausschnitt der Ökonomie der Eliten. Zudem konnten die Angehörigen der unteren Klassen weder lesen noch schreiben, noch werden sie je umfassender in den Texten der Eliten behandelt. Unser Blick auf den Anteil der einfachen Stadtbevölkerung am Wirtschaftsleben bleibt somit nicht nur verschwommen, sondern wir wissen insgesamt sehr wenig über diese Menschen. Obwohl sie als „the real building blocks of society“ bezeichnet wurden (Stone 2007: 231), steht dieses Forschungsfeld noch am Anfang: Erst seit Kurzem haben Forscher ihr Interesse den Haushalten zugewandt (z.B. Creekmore 2014, Pfälzner 2001, Wattenmaker 1998). Ein großer Teil der Wirtschaft im dritten Jahrtausend muss allerdings zwangsläufig de-zentral und „bottom-up“ organisiert worden sein (Smith 2010). Diese Lücke versuche ich mit meiner Arbeit zu schließen, indem ich die augenfälligsten materiellen Hinterlassenschaften der Stadtbevölkerung untersuche: ihre Häuser, in denen sich zahlreiche Hinweise auf wirtschaftliche und andere Aktivitäten finden.

Datenbasis/Materialgrundlage

In meiner Dissertation analysiere ich die Grabungsdokumentation eines der größten, zusammenhängend ausgegrabenen Wohnviertel Nordmesopotamiens – Bereich H in Tell Chuera (in der Literatur oft als „Häuserviertel H“ bezeichnet). Tell Chuera ist eine ca. 65 ha große, annähernd kreisrunde Siedlung in der Jezireh in Nord-Syrien. Die frühbronzezeitliche Siedlung wurde gegen 3100 v. Chr. gegründet und war für fast ein Jahrtausend durchgehend besiedelt. Die meisten Gebäude in Bereich H können in die lokale Periode Tell Chuera ID datiert werden (ca. 2465-2300 v. Chr.). In dieser Phase besaß die Siedlung ihre größte Ausdehnung und bestand aus einer runden Oberstadt, die von einer ringförmigen Unterstadt umschlossen wurde. Beide Stadtbereiche waren von je einer Stadtmauer umgeben. Bereich H wurde im Verlauf von 17 Grabungskampagnen ausgegraben (1955, 1958-1959, 1982-1983, 1986-1987, 1990-1992, 2002-2005, 2006-2009), wobei insgesamt ca. 3500 m² des Wohnviertels, etwa 130 Raumeinheiten (bedacht und unbedacht), ein Teil der inneren Stadtmauer, (semi-)öffentliche Verkehrswege und kleinere Plätze freigelegt wurden. Die Raumeinheiten liegen dabei zu beiden Seiten der inneren Stadtmauer.

Forschungsmethode(n)

In meiner Dissertation verfolge ich einen zweistufigen Ansatz: Unter zu Hilfenahme von Methoden aus der Raum-Syntax-Analyse („space syntax“ – Hillier und Hanson 1984), werde ich zunächst die Gebäude in Bereich H analysieren. Die Raum-Syntax-Analyse ermöglicht eine abstraktere Darstellung und damit den Vergleich von unter anderem Hausgrundrissen in Form eines „justified graph“ (oder: „justified gamma map”, Hillier und Hanson 1984: 143-63). Anhand der Installationen innerhalb der Räume werde ich jedem Raum eine oder mehrere Funktionen zuweisen. Brotöfen beispielsweise weisen auf häusliche Nahrungsmittelproduktion, große Vorratsgefäße (Pithoi) und Silos auf Vorratshaltung, umlaufende Bänke in Räumen auf die Möglichkeit der Zusammenkunft, usw. Hierbei geht es darum, bestimmte Muster oder reine Zufälligkeit in der Verteilung von Funktionen und damit Aktivitäten innerhalb der Gebäude und damit im „justified graph“ zu erkennen. In einem zweiten Schritt werde ich diese Analyse für die Kleinfunde (inklusive Keramik) durchführen. Die Kleinfunde können jeweils auf verschiedenste (wirtschaftliche) Aktivitäten hinweisen: Ein Feuersteinmesser kann je nach Kontext auf lithische Produktion, landwirtschaftliche Aktivitäten, aber auch – da ein Tell vornehmlich aus Abfall besteht – auf „Müllwirtschaft“ hinweisen. Letzteres gilt auch für ein Keramik-Gefäß, das darüber hinaus im Kontext von Keramik-Produktion, Keramik-Handel oder -Austausch (kurz: Distribution), aber auch Nahrungsmittel-Produktion und -Konsumption gesehen werden kann. Die Verteilung der Funde und den Ihnen zugewiesenen Funktionen sollen anschließend mit den Ergebnissen aus der Aktivitätszonenanalyse auf Basis der Installationen verglichen werden. Auch in diesem Fall geht es um die Identifikation von bestimmten Verteilungsmustern, die im nächsten Schritt eine Rekonstruktion der sozio-ökonomischen Prozesse, die in den Wohnhäusern stattfanden ermöglichen soll. Qualitative und quantitative Analysen der Fund-Assemblagen und Installationen werden einen Vergleich verschiedener Gebäude aus Bereich H untereinander, aber auch eine Vergleich zwischen Bereich H und anderen Wohngebieten (z. B, E, K oder W), sowie elitären Kontexten (z.B. Palast F) innerhalb Tell Chueras und darüber hinaus ermöglichen. Ungleichheiten zwischen den einzelnen Gebäuden oder zwischen verschiedenen Bereichen der Siedlung könnten dann auf einen unterschiedlichen sozio-ökonomischen Status der Bewohner verweisen.

Beitrag zur größeren Diskussion der Wirtschaftsarchäologie

Durch meine Dissertation wird nicht nur das weitgehend unpublizierte Material aus Bereich H in Tell Chuera dem wissenschaftlichen Publikum zugänglich gemacht. Vielmehr kann meine Arbeit unsere aktuelle Sicht auf die wirtschaftlichen Akteure (agents) und Strukturen frühbronzezeitlicher Stadtstaaten verändern. Die Dissertation soll einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der weitgehend unerforschten häuslichen Wirtschaft der nordmesopotamischen Stadtstaaten des dritten Jahrtausends leisten. Im Ergebnis wird sie dazu beitragen ein umfassenderes Bild der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Organisation wirtschaftlicher Prozesse während der Frühbronzezeit zu zeichnen und Ungleichheit auf verschiedenen Ebenen zu beleuchten (Haushalt, Wohnviertel, Distrikt, intra-Siedlung), einem Charakteristikum sozial komplexer Gesellschaften (Stein 1998).

Literatur

Bernbeck 2012: R. Bernbeck, Multitudes before Sovereignty: Theoretical Reflections and a Late Neolithic Case, in: T. Kienlin – A. Zimmermann (eds.), Beyond Elites. Alternatives to Hierarchical Systems in Modelling Social Formations, Teil 1, (Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 215), Bonn 2012, 147-167

Creekmore 2014, A. T. Creekmore III: The Social Production of Space in Third-Millenium Cities of Upper Mesopotamia, in: A. T. Creekmore III – K. D. Fisher (eds.), Making Ancient Cities. Space and Place in Early Urban Societies, Cambridge 2014, 32-73

Hillier and Hanson 1984: B. Hillier and J. Hanson: The Social Logic of Space, Cambridge 1984

Pfälzner 2001: P. Pfälzner, Haus und Haushalt. Wohnformen des dritten Jahrtausends vor Christus in Nordmesopotamien. Damaszener Forschungen 9

Smith 2010: M. E. Smith, The archaeological study of neighborhoods and districts in ancient cities, in: Journal of Anthropological Archaeology 29 (2010), 127-154

Stein 1998: G. J. Stein, Heterogeneity, Power, and Politcal Economy: Some Current Research Issues in the Archaeology of Old World Complex Societies, Journal of Archaeological Research 6, 1, 1998, 1–44

Stone 2007: E. C. Stone, The Mesopotamian Urban Experience, in: E.C. Stone (ed.), Settlement and Society. Essays Dedicated to Robert McCormick Adams, Chicago 2007, 213-234

Wattenmaker 1998: P. Wattenmaker: Household and state in upper Mesopotamia: specialized economy and the social uses of goods in an early complex society, Washington 1998

Betreuer: Prof. Dr. Andreas Zimmermann, Prof. Dr. Jan Waalke-Mayer, Prof. Dr. Susan Pollock