Die Ressource Holz während der Antike unter besonderer Berücksichtigung natürlicher Standortfaktoren

→Roman Palkoska

Fasziniert durch die kulturellen Leistungen vergangener Kulturen ist man geneigt, das Besondere und Ungewöhnliche in den Vordergrund zu stellen während das Gewöhnliche manchmal in den Hintergrund tritt: „Kein Wunder, dass die Geschichte des Alltags viel schlechter erforscht ist als die Geschichte der großen Kriege“ schreiben Radkau u. Schäfer (2007, S. 30) und merken an, dass die Geschichte, „wie der Mensch mit dem Holz umging […] zumeist eine ganz unspektakuläre Alltagsgeschichte. Die einst banalen Selbstverständlichkeiten entdeckt man, wenn überhaupt, meist nur zwischen den Zeilen“. Der britische Geschichtswissenschaftler David Abulafia schreibt zum Handel im Mittelmeerraum: „Der Handel mit Weizen, Holz und Wolle war zwar weniger glanzvoll als der berühmtere und besser dokumentierte Gewürzhandel, doch er schuf eine Grundlage, auf der das Geschäft mit Seide, Gold und Pfeffer aufbauen konnte“ (Abulafia 2013, S. 812). Als archäologische Ursache, warum die Ressourcengeschichte des Holzes gerade für die frühere Zeit „unterschätzt“ wäre, führen Radkau u. Schäfer (2007) die banale Tatsache an, dass „hölzerne Gegenstände aus früher Zeit viel seltener erhalten sind als steinerne und metallene Gegenstände“, aber viele antike Scherben und die Gegenstände aus Metall, die man heute bei Ausgrabungen findet, konnten überhaupt erst durch die Ressource Holz produziert werden: Denn Werkstoffe wie Töpferwaren, Dachziegel, Backsteine und Kalk (Opus caementitium) mussten zunächst gebrannt werden. In einer Welt, als fossile Brennstoffe wie Steinkohle oder Erdöl keine Rolle spielten (vgl. Nenninger 2001, 183 ff.), mussten die Brennöfen der Antike mit Holz befeuert werden oder mit Holzkohle, die wiederum aus Holz hergestellt werden musste. Auch Werkstoffe wie Glas und Metalle, wie Kupfer, Bronze, Eisen, Silber, Gold und Blei mussten im Produktionsprozess durch die Glut der Holzkohle geschmolzen werden. Die heimischen Öfen zur Lebensmittelherstellung und zum Backen von Brot wurden mit Holz beheizt, die Hypocausta der innerstädtischen Thermen mit Holzkohle. Nicht als Brennstoff, sondern als Baustoff wurde Holz für den Siedlungsbau (Bretter, Dachbalken, Pfähle, Pfosten), für den Schiffbau (Bretter, Kiele, Spanten, Masten) für das antike Montanwesen (Tragebalken, Stützpfeiler), für Wehranlagen (Palisaden, Holzkonstruktionen), im Wagen- (Speichen, Achsen) und Werkzeugbau benötigt. Vieles spricht dafür, dass Holz eine zentrale Ressource für das gesamte antike Wirtschaftssystem gewesen ist.

Werner Sombart stellte in seinem Hauptwerk „Der moderne Kapitalismus“ (Sombart 1922) sogar die These auf, dass der Rohstoff Holz die vormoderne ökonomische Determinante (vgl. Radkau 1999, 97 ff.) des „materiellen Daseins“ (Sombart 1922, S. 1138) gewesen sei. Speziell bezogen auf den Mittelmeerraum als „Wiege der abendländischen Kultur“ (Rother 1993, S. 14) nehmen Autoren wie Philippson (1922)[1], Braun-Blanquet (1936a; 1936b; 1964)[2], Gradmann (1934)[3], Glacken (1956; 1967), Horvat et al. (1974),[4] Aymard (1987)[5], Rother (1993), Hofrichter (2001) oder Wagner (2011)[6] daher eine großflächige Entwaldung des Mittelmeerraumes durch den Menschen an. Ihre Folge sei eine Landschaftsdegradation bis in die heutige Zeit. An vielen Stellen, wo in der Antike noch Wälder gestanden hätten, wäre heute häufig nur noch eine Buschvegetation (Macchie, span. Montebajo, grch. Xerovumi), eine halboffene Zwergstrauchformation (Garrigue, span. Tomillares, grch. Phrygana, hebr. Batha) oder eine offene Felsheide (Pelouse) zu finden. Der Prozess der „negativen Sukzession“ kehrt sich erst seit der zunehmenden Exploration von fossilen Brennstoffen, als „Alternative zu Holzkohle“ und seit der zunehmenden Landflucht seit den 1950er Jahren in eine „positive Sukzession“ um (vgl. (Rother 1993, S. 60; Neff u. Frankenberg 1995; Fuchs et al. 2013; 2015a; 2015b). Das aktuelle Waldwachstum in den europäischen Ländern des Mittelmeeres übersteigt mit 1,09 % pro Jahr (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO 2013, S. 32) sogar deutlich das Waldwachstum in Deutschland von derzeitigen 0,4 % pro Jahr (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, BMEL 2012, S. 4).

Andere Autoren, wie Grove u. Rackham (2003), halten die Abschätzungen eines enormen Holzbedarfes für übertrieben. Die heutige mediterrane Landschaft hätte sich kaum im Vergleich zu der Landschaft des antiken Roms verändert. Die Busch- oder Strauchformationen seien keine vorübergehenden Sukzessionsstadien, sondern Erscheinungen der natürlichen ökologischen Anpassungen. Soweit die Meinungen auseinanderklaffen, ob der Mensch die mediterrane Landschaft seit der Antike stark oder kaum verändert habe, so sehr fehlen genaue Daten, die das „Wieviel“, den Betrag der Veränderung, gezielt erörtern. Diese Promotionsarbeit soll genau diese Lücke schließen. Hierzu sollen im ersten Schritt die ökologischen Standortfaktoren genauer überprüft werden, die ein Baumwachstum überhaupt erst möglich machen würden. Es soll damit die Frage beantwortet werden, wo Bäume geschlagen werden konnten. Im zweiten Schritt soll geklärt werden, nach welchem Holz überhaupt eine Nachfrage bestand. Denn unterschiedliche Holzarten können unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen: Bestimmte Holzarten sind beständig gegen Salzwasser, bestimmte Holzarten sind flexibel und eignen sich daher besonders gut als Masten für den Schiffsbau. Andere Hölzer sind sehr leicht, wiederum andere sehr schwer, dafür aber stabiler. Antike Texte sowie archäologische Fundstücke, etwa aus Schiffwracks, sollen diese Kenntnislücken schließen. Auch soll durch die jeweiligen Produktionsprozesse (siehe oben) abgeschätzt werden, wieviel Holz für das Schmelzen von Metallen, für das Brennen von Keramiken, überhaupt gebraucht wurde. Im dritten Schritt sollen die ökologischen mit ökonomischen Daten miteinander verglichen werden. Durch eine Analyse in einem geographischen Informationssystem soll abgeschätzt werden, wo welches Holz in welchem Umfang geschlagen wurde.

Die Interdisziplinäre Arbeit verbindet Methoden aus Archäobotanik, Archäologie, Ökologie, Statistik und aus der Historischen Geographie.

 

[1] „In anderen Ländern des Mittelmeergebietes, in Kleinasien, Sizilien, Unteritalien, Palästina, ist ein Rückgang der Wasserführung der Flüsse, Bäche, Quellen und Brunnen seit dem Altertum nicht anzuzweifeln. Aber in allen diesen Gebieten liegt dieselbe Erklärung nahe; überall ist Austrocknung des Bodens und unregelmäßiger Wasserstand einmal die Folge der Entwaldung und beginnt daher schon mit der ersten großen Kulturarbeit, der Ausrodung des Urwaldes […]“ (Philippson 1922, S. 127 f.).

[2] „In den alten Kulturländern um das Mittelmeer bestimmen anthropozoogen bedingte regressive und progressive Sukzessionen vielfach das Aussehen der Landschaft.“ (Braun-Blanquet 1964, S. 655).

[3] „Wir müssen noch viel weiter gehen: das ganze Gebiet, das heute von Waldresten, von Macchia, Garigue und Karstheide und dazwischen von Ölbaum-, Wein- und Feigenpflanzungen, von Weizenfeldern und sonstigen Kulturflächen eingenommen wird, haben wir uns, auch soweit es nicht geschichtlich nachweisbar ist, als ursprünglich bewaldet zu denken; es gehört von Hause aus zum mittelmeerischen immergrünen Waldgürtel“ (Gradmann 1934, S. 45).

[4] „Oft waren es gerade die unbewußten oder doch unbeabsichtigten Eingriffe, die den in der postglazialen Wärmezeit waldreich gewordenen Pflanzenteppich weitgehend umgestalteten“ (Horvat et al. 1974, S. 58).

[5] „In ihr äußert sich die Zerbrechlichkeit eines ökologischen Gleichgewichts, das durch jeden Bevölkerungsschub bedroht wird –durch  die frühere und auch heute noch jeden Sommer fortschreitende katastrophale Zerstörung eines fossilen Waldmantels, der einer dünnen, von der Erosion rasch abgetragenen Humusschicht Halt gab […]“ (Aymard 1987; in: Braudel 1987)

[6] „Den ursprünglichen mediterranen Wald beschreiben zahlreiche Quellen der römischen Antike als zusammenhängende Flächen hoher Wuchsform und mit vielfältigen Verwendungen (Trotta-Treyden 1916; Frenzel 1994; Semple 1971; Nenninger 2001)“ (Wagner 2011, S. 138).

 

Betreuer: Prof. Dr. Winfried Schenk

 

Literaturverzeichnis

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