Mahlsteine als Wirtschaftsfaktor in subsistenzbasierten Gesellschaften

→ Marthe Gundelach 

Getreideerzeugnisse bilden heute den Hauptbestandteil der menschlichen Ernährung. Die Verarbeitung von Getreide zu Lebensmit­teln ist zentral organisiert, wobei die Einzugsgebiete einzelner Betriebe zuweilen sogar kontinentale Grenzen überschreiten und das Produktionsvolumen pro Betrieb entsprechend immens ist. Der heutige Befund ist als Ergebnis einer agrarhistorischen Entwicklung zu be­trachten, deren Beginn im Neolithikum, der Frühphase landwirtschaftlicher Produktion, zu suchen ist. Innerhalb dieser Zeitphase, zwischen 5500-2200 v. Chr. ist in Mitteleuropa eine dezentrale Organisation der Produktion und Verarbeitung von Getreideerzeugnissen innerhalb der Häuser zu beobachten. Bis mindestens Ende des 1. Jh. v. Chr. blieb dies die Hauptform der Produktion von Getreideerzeugnissen, wenngleich andere Produktionssektoren zentralisiert wurden. Innerhalb des Dissertationsprojekt „Mahlsteine als Wirtschaftsfaktor in subsistenzbasierten Gesellschaften“ wird untersucht, in welchem Umfang die Produktion von Getreide im Neolithikum in Mitteleuropa an der Subsistenzsi­cherung beteiligt war. Bisherige Rückschlüsse auf den Umfang des Getreidekonsums basieren auf ethnographischen Ana­logien (Ebersbach 2002), Bedarfsberechnungen (Zimmermann 2002, 26-29) oder chemi­schen Verfahren wie der Untersuchung von δ13N in Skeletten (Hilpert/Zimmermann 2013). Zudem verändert sich die Technologie der Getreideverarbeitung innerhalb des Zeitraums der Subsistenzwirtschaft. Während im Neolithikum das Korn mit unterschiedlichen Formen von Mahlsteinen durch Vor- und Zurückbewegen eines Läufers auf einem Unterlieger zerkleinert wird (Zimmermann 1988, 723-42), treten im 5.-3. Jh. v. Chr. erstmals nördlich der Alpen Handdrehmühlen auf, deren flächendeckende Nutzung ab der Spätlatènezeit belegt ist (Wefers 2012). Parallel lässt sich eine Zentralisierung ihrer Herstel­lung fassen. In den Abbaustellen in Mayen bei­spielsweise sind eine deutlich ansteigende Produktion von Mahl- und Mühlsteinen sowie eine dramatischen Vergrößerung des Verbreitungsgebiets der Produkte bis ins Rhein-Mündungsgebiet zu beobachten (Mangartz 2008, 95 Abb. 29; Joachim 1985).

Diese Beobachtungen können bei mikroökonomischer Betrachtungsweise als archäolo­gische Hinterlassenschaften ökonomischer Strategien prähistorischer Wirtschaftseinheiten betrachtet werden. Die Produktionsvolumina der Getreideverarbeitung dürften über die Benutzungszeit der Werkzeuge in Zusammenhang mit der zu ihrer Herstellung aufgewandten Energie und somit auch der Herstellungsorganisa­tion stehen. Bei geringen Produktionsvolu­mina kann der Einsatz optimierter Technologie auf­grund seiner den Nutzen übersteigenden Herstel­lungszeit wenig effizient sein (Marx [1871] 1962, 412; Tschajanov 1923, 9-25). Eine späte flächen­deckende Übernahme der Drehmühle könnte, lässt sich der postulierte Zusammenhang bestätigen, als Ausdruck einer ökonomi­schen Ent­scheidung der wirtschaftlichen Akteure interpretiert werden. Als archäologische Quellengattung werden Mahlsteine und Handdrehmühlen herangezogen. Deren archäologisch überlieferte Menge pro Haushalt kann unter gewissen Vorrausetzungen Auskunft über die durchschnittlich in Wirtschaftseinheiten verarbeitete Getreidemenge geben. Innerhalb des Dissertationsprojektes wird für die sich hinsichtlich naturräumlichen Gegebenheiten unterscheidende altneolithische Linearbandkeramik und (in Mitteleuropäischer Terminologie) spätneolithische Trichterbecherkultur anhand gut untersuchter Kernarbeitsgebiete, das Rheinland und Schleswig-Hol­stein, die Menge an Mahlstein pro Haushalt ermittelt. Als Vergleichsbeispiele werden die ins mitteleuropäische Alt- bis Mittelneolithikum zu datierende Siedlungskammer des Visokobeckens in Zentralbosnien sowie die Pfahlbausiedlungen des Voral­penlandes des mitteleuropäischen Jungneolithikums herangezogen. Der Zusammenhang zwischen Benutzungszeit und Herstellungsaufwand von Mahlsteinen und Handdrehmühlen wird anhand eines Vergleichs neolit­hischer und eisenzeitlicher Wirtschaftseinheiten untersucht. Bei der Herstellung von Mühlen ist insbesondere der Transportaufwand des Rohmaterials erheblich. Aus der Litera­tur werden Distanzangaben zwischen Rohmateriallagerstätte und Benutzungsort von Mahlsteinen zusammengetragen, mit welchen unter Berücksichtigung der jeweiligen Distributions- und Transportsysteme der jeweilige Trans­portaufwand bestimmt werden kann (Kegler-Graiewski 2008).

 

Literaturverzeichnis:

Ebersbach 2002

R. Ebersbach, Von Bauern und Rindern: Eine Ökosystemanalyse zur Bedeutung der Rinderhaltung in bäuerlichen Gesellschaften als Grundlage zur Modellbildung im Neolithikum. Baseler Beiträge zur Archäologie 15 (Basel 2002).

Hilpert/Zimmermann

J. Hilpert/A. Zimmermann, Die Modellierung von Wirtschaftsflächen – Zum Forschungsstand des RheinLUCIFS-Projektes Vortrag im Rahmen des Prähistorischen Kolloquiums des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität zu Köln im WS2013/14).

Hilpert/Zimmermann 2013

J. Hilpert/A. Zimmermann, Die Modellierung von Wirtschaftsflächen – Zum Forschungsstand des RheinLUCIFS-Projektes Vortrag im Rahmen des Prähistorischen Kolloquiums des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität zu Köln 2013.

Joachim 1985

H.-E. Joachim, Zu eisenzeitlichen Reibsteinen aus Basaltlava, den sog. Napoleonshüten. Archäologisches Korrespondenzblatt 15, 1985, 359-69.

Kegler-Graiewski 2008

N. Kegler-Graiewski, Tausch und Transport von neolithischen Steingeräten. Archäologische Informationen 31, 1-2, 2008, 17-24.

Mangartz 2008

F. Mangartz, Römischer Basaltlava-Abbau zwischen Eifel und Rhein. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 75 (Mainz 2008).

Marx [1871] 1962

K. Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Buch I: Produktionsprozess des Kapitals. Marx-Engels-Werke 23 (Berlin [1871] 1962).

Tschajanov 1923

A. V. Tschajanov, Die Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft. Übersetzt von Friedrich Schlömer (Berlin 1923).

Wefers 2012

S. Wefers, Reibst Du noch oder drehst Du schon? Die ältesten bekannten Drehmühlen aus dem westlichen Europa. In: A. Kern/J. K. Koch/I. Balzer/J. Fries-Knoblach/K. Kowarik/C. Later/P. C. Ramsl/P. Trebsche/J. Wiethold (Hrsg.), Technologieentwicklung und-transfer in der Hallstatt- und Latènezeit. Beiträge zur Internationalen Tagung der AG Eisenzeit und des Naturhistorischen Museums Wien, Prähistorische Abteilung – Hallstatt 2009 (Langenweissbach 2012) 13-24.

Zimmermann 1988

A. Zimmermann, Steine. In: U. Boelicke/D. v. Brandt/J. Lüning/P. Stehli/A. Zimmermann (Hrsg.), Der bandkeramische Siedlungsplatz Langweiler 8, Gemeinde Aldenhoven, Kreis Düren. Beitr. neolith. Besiedlung Aldenhovener Platte III. Rheinische Ausgrabungen 28 (Köln 1988) 569-787.

Zimmermann 2002

A. Zimmermann, Landschaftsarchäologie I: Die Bandkeramik auf der Aldenhovener Platte. Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 83, 2002, 17-38.

 

Dissertationsprojekt
Betreuer: Prof. Dr. Andreas Zimmermann, Prof. Dr. Martin Bentz