Das Handwerk im römischen Köln- Eine Analyse und ein umfassender Überblick über das florierende Kleingewerbe am urbanen Wirtschaftsstandort CCAA

→ Ella Magdalena Hetzel

Das römische Köln, die Hauptstadt der Provinz Germania Inferior, ist im Nordwesten des Imperiums vor allem für seinen wirtschaftlichen Reichtum und speziell für seine umfangreiche und qualitativ hochwertige Glasverarbeitung bekannt. Die Prosperität des urbanen Zentrums zeichnet sich  unter anderem durch die luxuriösen Grabbeigaben im Umfeld der Stadt aus. Neben der bereits erwähnten Glasherstellung sind es auch die Keramik- und Metallverarbeitung, verschiedene Baubetriebe sowie die Veredelung landwirtschaftlicher Produkte, die die ökonomische Stellung des Wirtschaftsraumes in der Provinz festigten. Die Promotionsarbeit soll eine fächerübergreifende wissenschaftliche Studie des wichtigen Wirtschaftsfaktors, dem Handwerk in und um der antiken Stadt Köln, erörtern sowie Aufschlüsse über die ökonomische Struktur schaffen.

Im Jahre 1885 führten Beobachtungen einer Baumaßnahme in der Gereonsstraße zu einem der ersten bedeutenden Funde der römischen Glasproduktion in Köln.  Dabei wurden mehrere Wagenladungen Glasverarbeitungsreste durch die Bauherrn abtransportiert und gingen für die archäologische Erforschung unwiderruflich verloren. Antikenhändler, die rechtzeitig anwesend waren, konnten einige Fragmente der sogenannten „Glasfritte“ sichern und reichten diese an entsprechende Interessenten weiter. Eines dieser Stücke landete bei dem berühmten Konsul Niessen, dem eine umfangreiche Sammlung antiker Stücke aus der Stadt und der Umgebung gehörte. Entgegen der archäologisch undokumentierten Situation in der Gereonsstraße, kam es erst 1927 mit der Entdeckung einer Töpferei im Handwerksbezirk am heutigen Rudolphplatz zu einer wissenschaftlich betreuten Ausgrabung. Bereits zwei Jahre darauf wurde auch der erste Glasofen archäologisch dokumentiert. Bis heute gibt es regelmäßig Fundberichte, die Ausschnitte des regen handwerklichen Treibens in der Hauptstadt Niedergermaniens dokumentieren. Die handwerklichen Hinterlassenschaften, die den unterschiedlichen chronologischen Stufen der Stadt zuzuordnen sind, erstrecken sich fast über das gesamte Kölner Stadtgebiet.

Die Gründung des Oppidum Ubiorum, der späteren antiken Hauptstadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium, erfolgte inmitten der Kölner Bucht auf einem natürlichen Plateau direkt am Rhein, einem bis in die heutige Zeit ökonomisch bedeutsamen Wasserverkehrsweg. Zudem ist Köln weitläufig vom Rheinischen Schiefergebirge umgeben, das mit seinem großen Rohstoffvorkommen für die weiterverarbeitenden Betriebe der urbanen Strukturen von großer Bedeutung war. Zu diesen primären Ressourcen zählen Ton, verschiedene Erze, Holz oder auch Holzkohle sowie Baumaterial.  Das vielseitige Umland bildete zudem eine grundlegende Basis für die florierende Glasproduktion, durch das Aufkommen geeigneter Sande. Außerdem entwickelte sich das fruchtbare Lößgebiet, das sich in der Ebene ablagert hat, in der römischen Zeit zu einer wichtigen Bezugsquelle tierischer und pflanzlicher Rohstoffe für das urbane Zentrum.

Die Gliederung der Produktionsnachweise erfolgt durch die einzelnen Materialgruppen. So soll im Einzelnen eine Analyse zur Keramik- und Glasproduktion, die metallverarbeitenden Betriebe, Baugewerbe, sowie die Weiterverarbeitung agrarischer und tierischer Produkte gemacht werden. Die größte Gruppe der Produktionswerkstätten in Köln bildet die Fertigung von Töpferware und kann durch die bereits vorhandenen intensiven wissenschaftlichen Untersuchungen von Constanze Höpken aus dem Jahre 2005 weiterführend betrachtet werden. Dadurch können darüber hinaus Fragestellungen zur ökonomischen Entwicklung in diesem Bereich erforscht werden und neue Überlegungen zur visuellen Darstellungen des komplexen Töpfereibetriebes in Köln angestellt werden. Weitere Warenarten, die bereits eine gute Publikationsbasis haben, sind unter anderem die Glas- und Holzverarbeitung. Bei den übrigen Handwerkssparten wird es in diesem Projekt zu umfangreichen Ergänzungen des aktuellen Forschungsstandes kommen, da diese bis jetzt nur ansatzweise veröffentlicht wurden.

Im Zuge der Promotionsarbeit soll ermittelt werden, wie die wirtschaftliche Struktur des römerzeitlichen Kölns aufgebaut wurde und sie sich entwickelt hat. Hierbei sollen sämtliche handwerkliche Betriebe sowie die damit verbundenen Nebenerzeugnisse in einem Katalog erfasst, visuell kartiert und analysiert werden. Insgesamt sollen die neu generierten Datensätze in einer umfangreichen digitalen Datenbank gesammelt werden, um eine überschaubare Struktur über die verschiedenen gewerblichen Aktivitäten im römischen Köln zu erschaffen und diese interpretieren zu können. Wichtig für eine Interpretation der ökonomischen Struktur der Stadt werden vor allem die chronologischen Aspekte  sowie die Lokalisierung verschiedener Produktionsperioden sein.

Im Laufe der Bestandsaufnahme müssen zusätzlich unveröffentlichte Befunde aufgenommen werden. Dafür müssen die Arbeitsabfälle und erhaltenen Baustrukturen systematisch erfasst und zeitlich eingeordnet werden. Es wird dadurch möglich werden, unveröffentlichtes Material erstmalig zu präsentieren und dem ökonomischen Gesamtgefüge zuzuordnen.   Als weiterer Schritt wird der Blick auf die Märkte und die Verteilung der angefertigten Produkte gerichtet. Analysierbar werden dabei voraussichtlich nur hochwertigere Waren sein wie die Keramik-, Glas- und Bronzeprodukte. Die Ausdehnung und Quantität der einzelnen Warenarten gibt Aufschluss über die erfassbaren Absatzmärkte und die Frequenz der geführten Handelsrouten.

Weiterführend müssen einige Überlegungen bezüglich der urbanen wirtschaftlichen Struktur  im Vergleich zu bereits entwickelten ökonomischen Theorien der römischen Zeit angestellt werden. Welche Bedeutung spielt der Vertrieb der veredelten Produkte, die durch den Bezug durch Rohstoffe des ressourcenreichen  Umlandes der antiken Stadt Köln  entstehen? Können möglicherweise auch gesellschaftliche Betrachtungen einen lokalen Aufschluss zur ökonomischen Auffassung und dem Agieren der Akteure auf den Märkten liefern? Welche Entwicklung spielt sich im Wirtschaftsraum Köln ab und wie wirkt er sich auf die Absatzmärkte aus? Inwieweit greift der Wissenstransfer in den ökonomischen Prozess ein? Eine wichtige Rolle  wird die Auswertung der generierten Datensätze des Produktionsspektrums einnehmen. Es soll erörtert werden, in wie weit ein effizienter gewinnorientierter Markt für die Weiterverarbeitung primärer Produkte bestand, und dieser sich in den nordwestlichen Provinzen fernab von Rom im Laufe der Zeit veränderte.

Insgesamt soll somit die wirtschaftliche Entwicklung des urbanen Zentrums untersucht werden, um Rückschlüsse über die Genese, Transformation und Fragen zur Kontinuität zu erörtern. Vertiefte Studien zum Gewerbe der Hauptstadt der Provinz Germania Inferior tragen grundlegend dazu bei, um das Wissen über die enorme ökonomische Struktur in den Provinzen des römischen Reiches um ein weiteres Stück zu erschließen. Das komplexe handwerkliche Gewerbe  im römischen Köln konsolidiert die Prosperität der antiken Stadt und bietet dadurch für die Archäologie einen interessanten Forschungsbereich zu umfangreichen wirtschaftlichen Studien.

Betreuer: Prof. Dr. Eckhard Deschler-Erb