Das Altägyptische Totenbuch als Wirtschaftsfaktor innerhalb des Redistributionskomplexes Göttertempel

→Aris Legowski

Seit Beginn der Ägyptologie wird sich Altägyptischen Totenbüchern in erster Linie textkritisch und religionswissenschaftlich gewidmet. Eine systematische und methodische Studie bezüglich ihres Einflusses und ihrer Bedeutung für die Wirtschaft Gesamtägyptens, eines Tempels oder auch nur des Besitzers wurde bisher noch nicht durchgeführt. Das Totenbuch stellt mit über 3000 Belegen und einer Tradition von mehr als eineinhalb Jahrtausenden, vom Neuen Reich bis zur Römerzeit, eines der wichtigsten Kulturgüter funerärer Texte dar. Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Sprüchen und Illustrationen, die den Verstorbenen Wissen, Schutz und Versorgung im Jenseits garantieren sollten.1
Aufgrund seiner enormen Belegmenge eignet sich das Totenbuch für eine relevante Studie über seinen vermuteten Wirtschaftsfaktor, um neue Erkenntnisse und eine neue Wahrnehmung um die Bedeutung dieses Corpus‘ auch als ökonomische Einheit in der Wirtschafts- und Sozialstruktur des antiken Ägypten zu etablieren. Bisherige diesbezügliche Forschungen beziehen sich meist auf ein bestimmtes Exemplar und werden dann entsprechend verallgemeinert.2 So wird beispielsweise angenommen, daß Totenbücher im Tempelumfeld der Hauptkultorte Theben und Memphis in Werkstätten hergestellt wurden, die gegebenenfalls bei der Verlegung der Residenz mitzogen,3 oder daß die Qualität des verwendeten Materials, die Länge und Anzahl der dargestellten Totenbuchkapitel sowie die allgemeine Ausführung über den Wert des Totenbuches entschieden. Die archäologischen Belege sowie die Quellen bezüglich des Herstellungsprozesses oder der Distribution selbst sind in dieser Hinsicht bisher nicht ausgewertet. Archäologische Funde in ganz Ägypten belegen außerdem, daß Totenbücher nicht nur im Umfeld der religiösen Zentren als Grabbeigabe verwendet wurden.
Den Kern des Forschungsprojektes bilden daher verschiedene komplexe Fragestellungen, wobei es gilt, die herrschende Meinung zu überprüfen und neue Schlußfolgerungen aus den Manuskripten selbst und den archäologischen Befunden zu erarbeiten. Beispielsweise gilt es zu untersuchen, ob sich in der Tat nur eine Elite Totenbücher leisten konnte, beziehungsweise wer welche Art von Manuskript von wem und wie erwerben konnte. Die Individualisierung von Papyri bildet hier einen wichtigen Untersuchungsgegenstand. Außerdem stehen Fragestellungen bezüglich der Zulieferung der Rohstoffe zur Fertigung der Manuskripte, der Herstellung und  Distribution der gefertigten Manuskripte selbst, sowie der Wissensvermittlung im Fokus der Untersuchung. Schließlich sollen auch Analysen der grundsätzlichen wirtschaftlichen Bedeutung der Totenbücher, der Einfluß auf diese durch politische Veränderungen, sowie Fragen bezüglich Kosten und Gewinn und „Angebot“ und „Nachfrage“ mit in die Untersuchung einbezogen werden.
Die Datensammlung des Totenbuchprojektes Bonn bildet die ideale Voraussetzung, um auf drei Ebenen die ökonomische Bedeutung des Totenbuches für den Wirtschaftskomplex Tempel zu untersuchen.
Die erste Ebene befaßt sich mit den mikroskopischen Wirtschaftsstrukturen. Anhand der Analyse formaler Gestaltungsmöglichkeiten wie Qualität des Papyrus, verwendetes Spruchgut, Länge, Gestaltung der Texte und Vignetten, eingesetzte Farben und Edelmetalle oder eventuelle Individualisierungen wie Namen, Titel und Genealogie des Verstorbenen, sowie unter Berücksichtigung der Material- und Beschaffungskosten und des Arbeitsaufwandes soll den Manuskripten neben ihrem kulturellen auch ein ökonomischer Wert zur Klassifizierung zugewiesen werden.

Anschließend rückt die Interaktion des Tempels, als Ursprung des Totenbuches, mit der regionalen Peripherie in den Fokus, wobei einerseits der Göttertempel als ökonomisch-kultureller Aggregationspunkt innerhalb der Region untersucht, anderseits die regionalen Unterschiede zwischen verschiedenen Werkstätten substantiiert und analysiert werden. So sollen auf dieser mesoskopischen Eben untersucht werden, auf welche Art und Weise der Einfluß staatlicher und religiöser Entscheidungsträger auf die Totenbuchherstellung und Distribution durch die Göttertempel gewirkt hat und welche Wechselwirkungen möglicherweise beeinflussend wirkten. Die wirtschaftliche und architektonische Verortung der Totenbuch-Werkstätten innerhalb des Tempelumfeldes spielen hierbei ebenso eine Rolle wie die Identifizierung und Einordnung der individuell beteiligten Akteure beim Herstellungs- und Erwerbsprozeß innerhalb eines regionalen Netzwerkes, woraus sich eine enge Verknüpfung zur ersten Untersuchungsebene ergibt.

Die dritte, die makroskopische Ebene beleuchtet schließlich das Totenbuch in seiner überregionalen Bedeutung. Hierbei wird die geographische Verteilung der Manuskripte auf der Grundlage des eigentlichen Warenwertes unter Berücksichtigung der Siedlungsstruktur des Landes neu bewertet, um überregionale Gruppenstrukturen und die komplexe Gesamtmenge der Nachfrage zum Vorschein zu bringen. Ziel ist es dabei, die Rolle der Totenbuchproduktion für den Tempel in seiner gesamtägyptischen wirtschaftlichen Vormachtstellung und Bedeutung konkret zu benennen und einzuordnen, um eine neue Perspektive auf sozioökonomische Prozesse im Rahmen sakraler Institutionen zu eröffnen, indem beim Endprodukt und dessen Erwerber angesetzt wird und daraus die Dynamik zwischen komplexen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen deduzieren wird.

1 Die Inhalte stammen aus teils sehr unterschiedlichen Quellen. Einerseits setzt das Totenbuch die königliche Tradition der Pyramidentexte im Alten und die der Sargtexte im Mittleren Reich fort, andererseits enthält es Elemente aus mythologischen, rituellen und sogar poetischen Texten.

2 Ein Preis von 1 Deben Silber (91 Gramm) wird für das Neue Reich angenommen, was mindestens dem halben Jahreseinkommen eines Facharbeiters in der Ramessidezeit entspräche, vgl. Baer, K., An Eleventh Dynasty Farmer’s Letter to his Family, in: Journal of the American Oriental Society 83, 1963, S. 17. Einige Überlegungen dazu finden sich auch bei Hornung, E., Das Totenbuch der Ägypter, Zürich/München 1979, S. 24-25.

3 Zu der angenommenen Verortung der Herstellung im Tempelumfeld vgl. Lucarelli, R., Making the Book of the Dead, in: Taylor, J. (Hg.), Journey Through the Afterlife. Ancient Egyptian Book of the Dead, London 2010, S. 264. Zu Umzügen der Residenz und deren Auswirkungen von Übertragung des Textgutes von Sargtexten auf das Totenbuch, vgl. Gestermann, L., Comments on the transition from Coffin Texts to the Book of the Dead, Lucarelli, R., Stadler, M. (Hg.), Oxford Handbook of the Book of the Dead, New York (im Vorbereitung).