Bilanzierung und Analyse der Bauwirtschaft von Pompeji

→ Cathalin Recko

Ziel des Dissertationsvorhabens ist eine systematische Quantifizierung unterschiedlicher Gebäudetypen in Pompeji. Mit Hilfe einer vergleichenden Bilanzierung der öffentlichen Bauaktivität sollen weiterführende Aufschlüsse über die städtische Bauwirtschaft, ihre Auswirkung auf das wirtschaftliche Gefüge sowie die Intentionen der jeweiligen Bauherren gewonnen werden.

Die Methode der Quantifizierung meint hier die Berechnung der für den Bau eines Gebäudes aufzuwendenden menschlichen Arbeitskraft. Neben den Bauprozessen auf der Baustelle selbst gehören hierzu auch Arbeiten im Zuge der Materialherstellung und -verarbeitung sowie des Transports. Grundlage dieser Methodik bildet für die römische Kaiserzeit die detaillierte Studie über die Caracalla-Thermen von Janet DeLaine, die die gewinnbringenden Aspekte eines solchen Ansatzes überzeugend dargestellt hat[1]. Demnach könne man aus Ermangelung zeitgenössischer Angaben, die gezielt über Aufwand und Dauer einzelner Arbeitsprozesse Auskunft geben, Quellen aus anderen prä-industriellen Epochen heranziehen. Bestimmte Handwerksprozesse und Techniken können zudem experimentell archäologisch nachempfunden werden. Dargestellt wird das Ergebnis in benötigter Arbeitskraft pro Materialeinheit; je nach Material kann es sich hierbei z.B. um Volumeneinheiten, Stückzahl oder Ähnliches handeln. Multipliziert mit der gesamten für den Bau verwendeten Menge des Materials ergibt sich daraus die gesamte für dieses Material benötigte Arbeitskraft. Die Summe all dieser Werte ergibt wiederum die gesamte für die Errichtung des Gebäudes aufgewendete Arbeitskraft. Die für diese Berechnung notwendigen Volumina der verbauten Materialien werden ergänzend zum aktuellen Publikationsstand vor Ort vermessen und dokumentiert.

Pompeji, sog. Vesapasianstempel. Mauer in opus incertum mit Verzahnung zu opus testaceum

Der Fokus der Arbeit liegt in dem bisher nicht vollständig ausgeschöpften Potential, das sich dank des Faktors Arbeitskraft aus der universellen Vergleichbarkeit mehrerer Bauten ergibt. Im Gegensatz zu den monetären Baukosten unterliegt der Faktor Arbeitskraft keiner Inflation und ist demnach auch epochenübergreifend ein gleichbleibender Wert. Die Bilanzierung der Gebäude liefert konkrete und vergleichbare Daten, anhand derer man die Bauaktivität einer Stadt oder eines Bauherrn bemessen und bewerten kann.

Die Errichtung der öffentlichen Gebäude in ihrem jeweiligen chronologischen Kontext gilt hier als Ausdruck der städtischen Bauwirtschaft. Herangezogen werden alle bis zum jetzigen Zeitpunkt bekannten öffentlichen Bauten aus den Bereichen Sakralarchitektur, Administration, Unterhaltung, Thermen, kommerzielle Einrichtungen und Verteidigung, sowie öffentliche Infrastruktur. Durch den direkten Vergleich aller Bauten und Bautypen können einerseits synchron Vergleiche zwischen den verschiedenen Funktionsbereichen durchgeführt werden, um entsprechende Schwerpunktsetzungen herauszuarbeiten, andererseits können in der diachronen Perspektive Veränderungsprozesse dargestellt werden. Pompeji als erste Lokation einer umfassenden Quantifizierung ganzer Gebäudegattungen eignet sich besonders gut dank des vergleichsweise guten Erhaltungsstandes sowie der großflächigen Freilegung, die repräsentativ alle Funktionsbereiche und Gebäudetypen umfasst.

 

Die Planung und Errichtung der öffentlichen Gebäude, sowie die damit verbundenen infrastrukturellen Anforderungen bilden einen bedeutenden Aspekt der urbanen Wirtschaft. Mit Hilfe des Faktors Arbeitszeit, bei dem es sich um einen zumindest in einer bestimmten Größenordnung nachzuvollziehenden Wert handelt, ergibt sich für uns die Möglichkeit, Einblicke in Gewichtung und Priorisierung verschiedener Bautypen im kontextualen und diachronen Vergleich innerhalb der Bauwirtschaft einer Stadt zu erhalten.

Mit Hilfe der (teilweise rekonstruierten) Lokalisation der Produktionsstätten des Baumaterials und den sich daraus ergebenden Transportwegen wird außerdem sowohl der Aspekt des strukturellen als auch des wirtschaftlichen Gefüges zwischen Pompeji als Beispiel eines urbanen Zentrums und seinem Umland näher beleuchtet.

 

[1] J. DeLaine, The Baths of Caracalla. A Study in the Design, Construction, and Economics of Large-scale Building Projects in Imperial Rome. Journal of Roman Archaeology Supplementary Series 25. Portsmouth, 1997.

 

Betreuer: Prof. Dr. Michael Heinzelmann, Prof. Dr. Sabine Schrenk