Gestaltgebende Regionalität in komplexen ökonomischen Systemen. Produktion, Distribution und Konsum späthellenistischer bis spätrömischer Keramik in Böotien, Zentralgriechenland (150 v. Chr. bis 700 n. Chr.)

→ Dean Peeters

Die Natur der antiken Wirtschaft, und besonders die der römischen Epoche, ist traditionell Teil der großen Debatten in der alten Geschichte und der Archäologie. Auf höherer theoretischer Ebene diskutieren Modernisten und Primitivisten, ob die Wirtschaft von den Marktkräften getrieben ist oder die Forderung und Handlungen des Staates als Motor der römischen Wirtschaft zu sehen sind. Zudem wird diskutiert, inwiefern die römischen Wirtschaftssysteme vergleichbar mit der modernen Zeit sind. Während die Archäologie, wie auch die alte Geschichte, immer mehr zu dieser Debatte beitragen können, werden sich die Spezialisten über die Komplexität der Beschaffenheit der antiken Wirtschaft bewusst. Dasselbe gilt für die Palette der Indikatoren, die wir für die Rekonstruktion von Veränderungen oder Stabilität in ökonomischen Systemen verwenden. Angesichts dieser Vielschichtigkeit ist es wichtig hervorzuheben, dass die Wirtschaft, die in vielen Aspekten des täglichen Lebens der römischen Gesellschaft integriert war, nicht als eine statische Einheit betrachtet werden soll. Sie änderte sich ständig und passte sich dabei an neue Umstände an. Des Weiteren war die Ökonomie im Wesentlichen sowohl räumlich als auch zeitlich flüssig (Jongman 2014). Auf mittlere und lange Sicht scheint bei der Analyse der römischen Wirtschaft Wandel und lokale Variation, statt Stabilität und Homogenität, die Norm zu sein.

 [Fig. 1. Städte und jeweilige Hinterländer die seit 1978 vom Boeotia-Projekt untersucht wurden (nach Farinetti 2011)]

Ein besseres Verständnis der Rolle der römischen Gesellschaft und Wirtschaft kann durch das Fokussieren auf die Entwicklung der lokalen Industrie, Landwirtschaft und Märkte und eine Analyse dieser Aspekte im Lichte der übergreifenden, aber vor allem lokalen, institutionellen, technologischen, ökologischen und demographischen Kontexte, gewonnen werden. Die vorgeschlagene Forschung will die lokale gemeinschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung durch eine detaillierte kontextuelle Analyse der Produktion und des Verbrauchs der materiellen Kultur, insbesondere der Keramik, im Laufe der Zeit erstellen. Scherben verdeutlichen potenziell die Funktionsweise von Wirtschaftsstrukturen und -dynamiken auf (intra-)regionaler Ebene. Daneben zeigen sie Veränderungen auf, die sowohl durch den Aufstieg und Fall ziviler Siedlungen, als auch durch Entwicklungen in der lokalen Industrie sowie im intra- und interregionalen Handel dokumentiert wurden. Durch die Betrachtung der örtlich begrenzten Wirtschaftssysteme, anstelle der Annäherung an die römische Wirtschaft als Ganzes, kann ein nuanciertes Verständnis gewonnen werden, wie Lokalitäten und Wirtschaftsregionen definiert werden müssen.  Zudem können Erkenntnisse gewonnen werden, wie die Systeme von innen heraus funktionieren, da sich die gesellschaftliche Dynamik und Strukturen erheblich voneinander unterscheiden können und spezifische Anpassungen an besondere Umstände reflektieren (Terlouw 1996, Holt-Jensen 1999). Die Auswertung bisheriger (ökonomischer) Aktivitäten in ihrem eigenen Kontext ist daher von entscheidender Bedeutung, um ein besseres Verständnis der komplexen treibenden ökonomischen Kräfte zu erhalten, die frühere Aktivitäten auf lokaler Ebene beeinflussten und die intraregionale Variation in der Zeit formten (Dodgshon 1998).


[Fig. 2.
Eine typische Zusammenstellung einer Fundtüte, die Keramik beinhaltet. Diese Fundzusammensetzung repräsentiert verschiedene Gebrauchsfunktionen, Datierungen sowie Herstellungsorte und stellt möglicherweise interessante Forschungsansichten dar, um die späthellenistisch-spätrömische Wirtschaft aus verschiedenen Perspektiven zu kartieren und zu analysieren].

Die Region Böotien (Zentralgriechenland) sollte in diesem Zusammenhang als ausgezeichnete Fallstudie betrachtet werden, da das Gebiet seit 1978 nach hohen methodischen Standards durch intensive Fieldsurveys vom Boeotia Projekt untersucht wurde (Bintliff et al., 2007). Wie die Untersuchungen zeigten, spielte die Keramik im täglichen Leben zur antiken Zeit in dieser Region eine große Rolle. Daher haben die zehntausenden späthellenistisch bis spätrömischen Scherben (150 v. Chr.-700 n. Chr.), die auf den Oberflächen von Tanagra, Thespiae, Hyettos und ihren jeweiligen Hinterländern gesammelt wurden, ein großes Potential als Grundlage für die quantitative Untersuchung der Prozesse, der Dynamik und der Natur von späthellenistisch bis spätrömischen und vormodernen Wirtschaftssystemen zu dienen. Da jede einzelne Scherbe einer breiten oder präziseren Chronologie und einem Produktionsort zugeschrieben wird, bietet eine Bewertung der gesamten Funktionspalette (z. B. Amphoren, Geschirr usw.) von importierten Töpfern unschätzbare Einblicke in die Art und den Grad zu dem diese lokale Bevölkerung im Laufe der Zeit an intra- und interregionalen Austauschsystemen teilnahmen. Um dieses Bild zu ergänzen, werden die Produkte, der Output und die Datierung der lokalen Töpfereien im Umfeld von Tanagra, Thespiae, Askra und Hyettos im gleichen Licht betrachtet. Dieser Schritt ist wichtig, damit man über das hinausgehen kann, was als Konnektivität bezeichnet werden könnte. Dies wird zu einer nuancierten Verbildlichung der Entwicklung der wirtschaftlichen Darbietung auf lokaler Ebene führen. Die Auswertung der relativ reichen Darstellung von böotischen Inschriften und historischen Quellen (z.B. Papazarkadas 2014, Roller 1989) ergeben wichtige Einsichten in die existierenden politischen, ökonomischen sowie andere gesellschaftlichen Strukturen, die einen wichtigen Hintergrund darstellen. Insgesamt wird die Analyse zu einem besseren Verständnis führen, wie und warum intraregionale (wirtschaftliche) Variation über die Zeit geformt wurde.

 

[Fig. 3. Intra-regionale Unterschiede im Konsum von African Red Slip Ware für die Städte Thespiae und Tanagra in Böotien, Zentralgriechenland vom 3. bis 7. Jahrhundert (Peeters u.a. in der Presse; Scherben wurden auf der Basis des linearen Verteilungsverfahrens chronologisch verteilt)]

Supervisors: Prof. Dr. Michael Heinzelmann, Prof. Dr. Martin Bentz, Prof. Dr. John Bintliff